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Friedenssymbole

Schwerter zu Pflugscharen

Ein Satz aus der Bibel, eine Bronzefigur vor den Vereinten Nationen und ein Aufnäher, für den Jugendliche in der DDR Ärger bekamen

Das Wichtigste in Kürze

  • Der Satz stammt aus der Bibel, fast gleichlautend bei den Propheten Jesaja (2,4) und Micha (4,3).
  • Er beschreibt Abrüstung als Umwandlung: Aus Waffen werden Werkzeuge für den Acker.
  • Die Sowjetunion schenkte den Vereinten Nationen 1959 eine Bronzefigur mit diesem Motiv.
  • In der DDR wurde der Aufnäher ab 1980 zum Zeichen der unabhängigen Friedensbewegung; am 22. März 1982 wurde das Tragen verboten.
  • Bis heute begleitet das Motiv jedes Jahr die Ökumenische Friedensdekade im November.

In Zahlen

1959

Skulptur vor der UNO

geschenkt am 4. Dezember

1980

Symbol der DDR-Bewegung

entworfen von Harald Bretschneider

2.000

Zuschauer in Wittenberg

als 1983 ein Schwert umgeschmiedet wurde

Wie alt die Fassungen des Bildes sindJahre bis 2026. Quellen: Ökumenische FriedensDekade, UN Photo, MDR
  • Verheißung bei Micha, 8. Jahrhundert vor Christusüber 2.700 Jahre
  • Skulptur vor der UNO, 195967 Jahre
  • Symbol von Harald Bretschneider, 198046 Jahre
  • Schmiedeaktion in Wittenberg, 198343 Jahre
Wie der Aufnäher die Zensur umgingQuelle: MDR
  1. Ein Zeichen ohne Papier

    Jugendpfarrer Harald Bretschneider sucht ein Zeichen für die kirchliche Friedensarbeit, das sich der staatlichen Zensur entzieht.

  2. Die Lücke im Recht

    Jedes Flugblatt und jedes Plakat braucht in der DDR eine Druckgenehmigung. Bedruckte Stoffe gelten nicht als Druckerzeugnisse.

  3. Gedruckt auf Vlies

    1981 druckt Hans-Michael Wenzel in Herrnhut im Auftrag der Landeskirche textile Lesezeichen. Bis 1982 verlassen über 100.000 Stück die Werkstatt.

  4. An Parka und Tasche

    Junge Leute heften die Drucke an ihre Parkas und Taschen. So wird das Lesezeichen zum Aufnäher der Friedensbewegung.

  5. Das Verbot

    Am 22. März 1982 wird das öffentliche Tragen untersagt. Wer den Aufnäher trägt, riskiert den Verweis von Schule oder Universität.

Herkunft
Bibel, Bücher Jesaja und Micha
Belegt seit
Altes Testament, als Aufnäher seit 1980
Urheber
als Aufnäher Jugendpfarrer Harald Bretschneider
Steht heute für
Abrüstung, Frieden ohne Waffen
Gezeichnetes Schwert links, ein gelber Pfeil in der Mitte und rechts eine Pflugschar an einem Holzbalken über einer gepunkteten Erdlinie
Aus einer Waffe wird ein Werkzeug für den Acker: das Bild aus dem Buch Jesaja.Grafik: W3ltfrieden

Was bedeutet Schwerter zu Pflugscharen?

Der Satz beschreibt eine Abrüstung, die mehr ist als ein Waffenstillstand: Waffen werden nicht nur abgelegt, sondern zu Werkzeugen umgeschmiedet, mit denen sich ein Acker bestellen lässt. Eine Pflugschar ist das Eisen, das beim Pflügen die Erde aufbricht.

Das Bild verbindet zwei Gedanken. Was zum Töten gemacht wurde, dient danach dem Leben, und das Material bleibt dasselbe. Frieden entsteht also nicht aus dem Nichts, sondern aus dem, was vorher dem Krieg diente.

Als Losung ist der Satz bis heute verbreitet, in Kirchen, in der Friedensbewegung und in der Politik. In Deutschland ist er besonders mit der unabhängigen Friedensbewegung der DDR verbunden.

Wo steht der Satz in der Bibel?

Der Satz steht zweimal im Alten Testament, fast gleichlautend: beim Propheten Jesaja im zweiten Kapitel und beim Propheten Micha im vierten. Beide beschreiben eine Zeit, in der Völker ihre Streitigkeiten schlichten lassen, statt Krieg zu führen.

Bei Jesaja heißt es in der Übersetzung der Lutherbibel, die Völker würden ihre Schwerter zu Pflugscharen machen und ihre Spieße zu Sicheln, kein Volk werde gegen das andere das Schwert erheben, und sie würden nicht mehr lernen, Krieg zu führen.

Wichtig ist der letzte Teil. Es geht nicht nur darum, die Waffen umzuarbeiten, sondern darum, das Kriegführen zu verlernen. Darin liegt der Gedanke, dass Frieden auch eine Frage von Erziehung und Gewohnheit ist.

Was hat die Skulptur vor der UNO damit zu tun?

Am 4. Dezember 1959 schenkte die Sowjetunion den Vereinten Nationen eine Bronzefigur des Bildhauers Jewgeni Wutschetitsch. Sie steht im Nordgarten des Hauptquartiers in New York und trägt den Titel „Let Us Beat Swords into Ploughshares“.

Die Figur zeigt einen Mann, der in der einen Hand einen Hammer hält und in der anderen ein Schwert, das er zu einer Pflugschar umschmiedet. Die Vereinten Nationen beschreiben sie als Bild für den Wunsch der Menschen, den Krieg zu beenden und Mittel der Zerstörung in Werkzeuge zu verwandeln.

Mitten im Kalten Krieg war das Geschenk auch eine politische Geste. Dass die DDR-Friedensbewegung später ausgerechnet diese Figur zu ihrem Zeichen machte, gab dem Aufnäher eine besondere Spitze: Er zeigte ein Geschenk des engsten Verbündeten der DDR.

Wie wurde der Aufnäher zum Zeichen in der DDR?

1980 entwickelte der sächsische Jugendpfarrer Harald Bretschneider das Symbol für die kirchliche Friedensarbeit. Es zeigt die Figur vor der UNO, den Mann, der ein Schwert umschmiedet, dazu die Worte „Schwerter zu Pflugscharen“.

Die Losung tauchte zunächst bei kirchlichen Friedensveranstaltungen auf. Nach der Darstellung von jugendopposition.de, einem Angebot der Bundeszentrale für politische Bildung und der Robert-Havemann-Gesellschaft, gelangte sie ab 1981 als Aufnäher in die breite Öffentlichkeit. Vor allem junge Leute trugen ihn an der Jacke.

Die Kirchen waren nach der Darstellung des Hauses der Geschichte die einzigen größeren Organisationen in der DDR, die sich eine gewisse Unabhängigkeit vom Staat bewahren konnten. Deshalb wurde ein Aufnäher aus einer kirchlichen Initiative zum sichtbarsten Zeichen der unabhängigen Friedensbewegung.

Wie reagierte der Staat auf das Zeichen?

Als das Zeichen 1981 zum Protestsymbol wurde, ging der Staat nach jugendopposition.de massiv gegen die Träger vor. Jugendlichen wurden die Aufnäher abgerissen, ein Foto aus der Sammlung der Robert-Havemann-Gesellschaft zeigt einen Parka mit abgerissenem Aufnäher.

Bekannt wurde eine Aktion beim Kirchentag in Wittenberg am 24. September 1983. Im Lutherhof schmiedete der Schmied Stefan Nau vor rund 2.000 Zuschauern mit Hammer und Amboss ein Schwert zu einem Winzermesser um. Weil ein westdeutsches Fernsehteam dabei war, sahen es viele Menschen.

Die Friedensgruppen der achtziger Jahre wurden nach der Darstellung des DDR Museums zur Keimzelle der Bewegung, die im Herbst 1989 zur Friedlichen Revolution führte. Das Zeichen gehört deshalb heute zur Geschichte der deutschen Einheit.

Wie alt ist der Satz?

Nach der Darstellung der Ökumenischen Friedensdekade verkündete der Prophet Micha seine Verheißung im 8. Jahrhundert vor Christus; fast gleichlautend steht sie im Buch Jesaja.

In der Septuaginta, der alten griechischen Übersetzung des Alten Testaments, ist nach derselben Quelle sogar konkret von Schwertern die Rede, die zu Pflugmessern werden. Der Satz ist also seit weit über 2.000 Jahren im Umlauf.

Wer organisierte die Schmiedeaktion in Wittenberg?

Die Aktion auf dem Lutherhof am 24. September 1983 organisierte nach Angaben des MDR der Theologe Friedrich Schorlemmer während des Evangelischen Kirchentags. Dabei wurde ein echtes Schwert umgearbeitet; am Amboss stand der Schmied Stefan Nau.

Das Bild ging nach der Darstellung des MDR um die Welt und wurde später zum Symbol der Friedensbewegung in Ost und West. Für viele Menschen außerhalb der DDR war es das erste Mal, dass sie von dem Zeichen hörten.

Jesaja 2,4, Lutherbibel 2017

Da werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen machen und ihre Spieße zu Sicheln. Denn es wird kein Volk wider das andere das Schwert erheben, und sie werden hinfort nicht mehr lernen, Krieg zu führen.
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Stationen des Zeichens

  1. Altes TestamentDie Propheten Jesaja und Micha sprechen von Völkern, die ihre Schwerter zu Pflugscharen machen.
  2. 4. Dez. 1959Die Sowjetunion schenkt den Vereinten Nationen die Bronzefigur von Jewgeni Wutschetitsch.
  3. 1980Der sächsische Jugendpfarrer Harald Bretschneider entwickelt das Symbol für die kirchliche Friedensarbeit.
  4. 1981Als Aufnäher gelangt das Zeichen in die Öffentlichkeit, der Staat geht gegen die Träger vor.
  5. 24. Sep. 1983Im Lutherhof in Wittenberg schmiedet Stefan Nau vor 2.000 Zuschauern ein Schwert um.

Häufige Fragen zum Motiv

Was ist eine Pflugschar?

Das Wörterbuch DWDS erklärt die Pflugschar als Eisen am Pflug, das die Erde waagerecht durchschneidet. Das Wort ist alt: Schon im Althochdeutschen gab es scar für das schneidende Eisen, verwandt mit scheren.

Üblich ist die Pflugschar mit dem Plural Pflugscharen, daneben gibt es die Nebenform das Pflugschar. Im Bild aus der Bibel ist entscheidend, dass Schwert und Pflugschar aus demselben Material sind: Eisen, das umgeschmiedet werden kann.

Gibt es den Satz auch umgekehrt?

Ja. Beim Propheten Joel heißt es im vierten Kapitel nach der Lutherbibel: „Macht aus euren Pflugscharen Schwerter und aus euren Sicheln Spieße!“ Der Vers ist ein Aufruf zum Krieg, und die Lutherbibel verweist an dieser Stelle selbst auf Jesaja 2,4.

Die Bibel kennt also beide Richtungen. Die Friedensbewegung hat sich bewusst auf Jesaja und Micha berufen, auf die Verheißung, dass Völker das Kriegführen verlernen.

Wer hat das Motiv gestaltet?

Die Idee, den Satz mit der Figur vor der UNO als Zeichen zu verwenden, stammt vom sächsischen Landesjugendpfarrer Harald Bretschneider. Das Haus der Geschichte nennt für die Grafik des Aufnähers Ingeborg Geißler und Herbert Sander.

Gedruckt wurde er in Herrnhut von Hans-Michael Wenzel, der in seinem kleinen Betrieb sonst Gardinen, Vorhänge und Tischtücher herstellte. 1981 bekam er von der evangelischen Landeskirche den Auftrag für textile Lesezeichen zur Friedensdekade.

Warum wurde der Aufnäher auf Stoff gedruckt?

Wegen der Zensur. Nach der Darstellung des MDR brauchte in der DDR jedes Flugblatt und jedes Plakat eine Druckgenehmigungsnummer. Bedruckte Textilien galten dagegen nicht als Druckerzeugnisse im Sinne der Verordnung.

Bretschneider und Wenzel nutzten diese Lücke und druckten auf Vliesstoff. So verließen bis 1982 über 100.000 Exemplare die Werkstätten in Herrnhut. Junge Leute nähten sie auf Parkas und Taschen.

War der Aufnäher verboten?

Ja. Am 22. März 1982 wurde das öffentliche Tragen des Motivs nach Angaben des MDR offiziell untersagt. Die Sicherheitsorgane werteten den Aufnäher als Ausdruck einer staatsfeindlichen Einstellung, wer ihn trug, riskierte einen Verweis von Schule oder Universität.

Die Staatssicherheit durchsuchte Wenzels Betrieb und beschlagnahmte die Unterlagen. Die Druckstöcke übersah sie, und Wenzel druckte nach eigener Aussage heimlich weiter, „verborgen hinter unverdächtigen Gardinen“.

Die Staatsführung begründete ihre Härte offen. „Der Sozialismus braucht Pflugscharen und Schwerter“, erklärte Verteidigungsminister Heinz Hoffmann nach Angaben des MDR vor der Volkskammer.

Wird das Zeichen heute noch verwendet?

Ja, vor allem in der Ökumenischen Friedensdekade. Jedes Jahr im November nutzen Kirchengemeinden und Friedensinitiativen zehn Tage für Gottesdienste, Gespräche und Aktionen, und das Logo begleitet diese Arbeit seit Jahrzehnten.

Damit das Motiv nicht beliebig vermarktet wird, beauftragte das Gesprächsforum der Friedensdekade 2006 die Aktionsgemeinschaft Dienst für den Frieden, es zu schützen, im Einvernehmen mit den Gestaltern. Auch außerhalb Deutschlands wurde das Bild aufgegriffen, etwa von der christlichen Plowshares-Bewegung in den USA.

Vom Zeichen zur eigenen Mission

Ein Symbol sagt, wofür jemand steht. Was daraus wird, entscheidet sich dort, wo Menschen gemeinsam etwas anfangen: in einer Nachbarschaft, einer Schule, einem Verein. Auf W3ltfrieden findest du Missionen, in denen genau das passiert.

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