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Streit lösen

Bedürfnisse-Liste der Gewaltfreien Kommunikation

Bedürfnisse in neun Gruppen, dazu der Unterschied zwischen einem Bedürfnis und einer Strategie, an dem sich viele Streitgespräche entscheiden

Das Wichtigste in Kürze

  • Die Liste ordnet 58 Bedürfniswörter in neun Gruppen, von Verbindung und Sicherheit bis Spiel, Frieden und Sinn.
  • Ein Bedürfnis teilen alle Menschen. Eine Strategie ist ein konkreter Weg, es zu erfüllen, und über Wege lässt sich verhandeln.
  • Viele Streitgespräche entscheiden sich an diesem Unterschied. Wer das Bedürfnis hinter einer Forderung benennt, findet oft mehr als eine mögliche Lösung.
  • Zum Finden hilft der Umweg über das Gefühl: Was fühle ich gerade, und was fehlt mir dabei?

In Zahlen

58

Bedürfniswörter

von Nähe und Ruhe bis Selbstbestimmung und Sinn

9

Gruppen

angelehnt an das Inventar des CNVC

8

Strategien

jeweils mit dem Bedürfnis, das dahinterstehen kann

Bedürfniswörter je GruppeGezählt aus der Liste auf dieser Seite
  • Verbindung8
  • Körperliches Wohl8
  • Sinn8
  • Anerkennung6
  • Autonomie6
  • Sicherheit6
  • Frieden6
  • Ehrlichkeit5
  • Spiel5
Übung: vom Vorwurf zum BedürfnisZusammengefasst aus dem Abschnitt „So übst du“ auf dieser Seite
  1. Satz aufschreiben

    Nimm einen Vorwurf oder eine Forderung aus einem Streit, etwa „Nie hilfst du mir im Haushalt“.

  2. Gefühl finden

    Frag dich, welches Gefühl in dem Satz steckt, zum Beispiel Erschöpfung.

  3. Bedürfnis zuordnen

    Such in der Liste das Bedürfnis, das dazu passt, etwa Unterstützung und eine faire Aufteilung.

  4. Neu formulieren

    Nach dem Muster „Ich bin …, weil mir … wichtig ist“: „Ich bin erschöpft, weil mir Unterstützung und eine faire Aufteilung wichtig sind.“

  5. Bitte anschließen

    Erst danach kommt die Bitte. Sie ist nur eine von vielen möglichen Strategien.

Woran du ein Bedürfniswort erkennstZusammengefasst aus dieser Seite

Ein Bedürfniswort

  • nennt keine Person
  • nennt keine bestimmte Handlung: „Ruhe“ statt „dass du leiser bist“
  • lässt sich auf viele Arten erfüllen
  • ist allgemein menschlich, dein Gegenüber kennt es auch
  • beschreibt, was dir gerade fehlt oder was erfüllt ist
  • steht in keiner Rangfolge über anderen Bedürfnissen

Was Bedürfnisse in der Gewaltfreien Kommunikation sind

Bedürfnisse sind in der Gewaltfreien Kommunikation das, was Menschen zum Leben brauchen und was ihnen wichtig ist: Ruhe, Nähe, Sicherheit, Selbstbestimmung, Sinn. Sie bilden den dritten der vier Schritte, nach Beobachtung und Gefühl und vor der Bitte. Die Liste unten hilft dir, das Bedürfnis hinter einem Gefühl zu benennen, statt beim Ärger über den anderen stehen zu bleiben.

Unterrichtsmaterial des bayerischen Staatsinstituts für Schulqualität fasst den Grundgedanken knapp zusammen: Bedürfnisse sind die Ursache jedes Handelns. Sind sie erfüllt, entstehen angenehme Gefühle, sind sie es nicht, unangenehme. Wer wissen will, warum ein Streit so heftig geworden ist, findet die Antwort deshalb selten im Anlass und oft in einem Bedürfnis, das niemand ausgesprochen hat.

Ein zweiter Gedanke macht die Liste im Konflikt so nützlich: Bedürfnisse gelten in der GFK als allgemein menschlich. Jeder Mensch kennt das Bedürfnis nach Ruhe oder nach Anerkennung, auch wenn es bei dem einen gerade drängt und bei dem anderen nicht. Auf dieser Ebene lässt sich Verständnis finden, selbst wenn man über die Lösung noch uneinig ist.

Liste der Bedürfnisse nach der GFK in neun Gruppen

Die Gruppen folgen im Kern dem Inventar des Center for Nonviolent Communication, das Bedürfnisse nach Verbindung, körperlichem Wohl, Ehrlichkeit, Spiel, Frieden, Autonomie und Sinn ordnet. Sicherheit und Anerkennung stehen hier als eigene Gruppen, weil sie in Streitgesprächen besonders oft den Ausschlag geben.

Lies die Liste nicht als Rangfolge. Kein Bedürfnis ist wichtiger oder edler als ein anderes, und die Grenzen zwischen den Gruppen sind fließend: Vertrauen gehört zur Verbindung, aber auch zur Sicherheit. Entscheidend ist, ob ein Wort beschreibt, was dir gerade fehlt oder was gerade erfüllt ist.

Ein brauchbares Bedürfniswort hat zwei Merkmale. Es nennt keine Person und keine bestimmte Handlung, und es lässt sich auf viele Arten erfüllen. „Ruhe“ ist ein Bedürfnis, „dass du leiser bist“ ist bereits ein Weg dorthin. Diese Unterscheidung ist der Kern des nächsten Abschnitts.

Verbindung

  • Nähe
  • Zugehörigkeit
  • Gemeinschaft
  • Liebe
  • Vertrauen
  • Unterstützung
  • Empathie
  • Kooperation

Anerkennung

  • Wertschätzung
  • Respekt
  • Gesehenwerden
  • Verständnis
  • Akzeptanz
  • Beachtung

Autonomie

  • Selbstbestimmung
  • Freiheit
  • Wahlmöglichkeit
  • Unabhängigkeit
  • Raum
  • Spontaneität

Sicherheit

  • Schutz
  • Geborgenheit
  • Verlässlichkeit
  • Beständigkeit
  • Klarheit
  • Orientierung

Körperliches Wohl

  • Ruhe
  • Schlaf
  • Bewegung
  • Nahrung
  • Wasser
  • Luft
  • Berührung
  • Gesundheit

Ehrlichkeit

  • Aufrichtigkeit
  • Authentizität
  • Integrität
  • Offenheit
  • Transparenz

Spiel

  • Freude
  • Humor
  • Leichtigkeit
  • Spaß
  • Abenteuer

Frieden

  • Harmonie
  • Ordnung
  • Schönheit
  • Gleichwertigkeit
  • Ausgeglichenheit
  • Inspiration

Sinn

  • Beitrag
  • Wachstum
  • Lernen
  • Kreativität
  • Kompetenz
  • Wirksamkeit
  • Selbstausdruck
  • Hoffnung

Bedürfnis und Strategie: der Unterschied, der Streit entschärft

Eine Strategie ist ein konkreter Weg, ein Bedürfnis zu erfüllen: eine Handlung, eine Forderung, ein Plan. Das Bedürfnis nach Ruhe lässt sich mit Schlaf erfüllen, mit einem Spaziergang, mit Kopfhörern oder mit einer geschlossenen Tür. Menschen teilen dieselben Bedürfnisse, wählen aber sehr unterschiedliche Strategien.

Die meisten Konflikte entstehen auf der Ebene der Strategien. Zwei Menschen streiten über den Urlaubsort, obwohl der eine Erholung sucht und die andere Abwechslung, und beides ließe sich an vielen Orten finden. Wer an einer einzigen Lieblingsstrategie festhält, gerät leicht in Streit, weil andere genau diese Strategie ablehnen können.

Die Tabelle zeigt acht typische Strategien, oft als Forderung formuliert, und das Bedürfnis, das dahinterstehen kann. Die dritte Spalte nennt einen anderen Weg zum selben Bedürfnis. Ob das Bedürfnis im Einzelfall stimmt, klärt nur ein Gespräch; die Tabelle zeigt, welche Frage sich lohnt.

  • Strategie: „Du bist um 22 Uhr zu Hause.“

    Mögliches Bedürfnis: Sicherheit, Verlässlichkeit

    Ein anderer Weg dorthin: Eine kurze Nachricht, wenn es später wird

  • Strategie: „Mach sofort das Radio aus!“

    Mögliches Bedürfnis: Ruhe, Konzentration

    Ein anderer Weg dorthin: Kopfhörer oder eine geschlossene Tür

  • Strategie: „Ruf mich jeden Abend an.“

    Mögliches Bedürfnis: Nähe, Verbindung

    Ein anderer Weg dorthin: Ein fester gemeinsamer Abend in der Woche

  • Strategie: „Ich fahre dieses Jahr allein in den Urlaub.“

    Mögliches Bedürfnis: Raum, Erholung

    Ein anderer Weg dorthin: Ein freier Tag pro Woche nur für dich

  • Strategie: „Ohne mich wird das nicht entschieden.“

    Mögliches Bedürfnis: Mitsprache, Selbstbestimmung

    Ein anderer Weg dorthin: Vorher gefragt werden und Einwände nennen können

  • Strategie: „Räum jetzt die Küche auf!“

    Mögliches Bedürfnis: Ordnung, Unterstützung

    Ein anderer Weg dorthin: Ein Putzplan, den alle mitgestalten

  • Strategie: „Ich bleibe, bis alles fertig ist.“

    Mögliches Bedürfnis: Kompetenz, Anerkennung

    Ein anderer Weg dorthin: Ein Gespräch darüber, was heute Vorrang hat

  • Strategie: „Sag mir, wo du warst.“

    Mögliches Bedürfnis: Vertrauen, Transparenz

    Ein anderer Weg dorthin: Ein Satz vorab, wohin du gehst

Wie Gefühle zu Bedürfnissen führen

Gefühle sind in der Gewaltfreien Kommunikation Hinweisgeber. Ein unangenehmes Gefühl zeigt an, dass ein Bedürfnis offen ist, ein angenehmes, dass eines erfüllt ist. Deshalb gehören Gefühle-Liste und Bedürfnisse-Liste zusammen: Mit der einen findest du das Wort für deinen Zustand, mit der anderen den Grund dafür.

Der Weg vom Gefühl zum Bedürfnis führt über eine einfache Frage: Was brauche ich gerade, damit es mir besser geht? Wer enttäuscht ist, weil eine Verabredung geplatzt ist, entdeckt dahinter vielleicht Verlässlichkeit. Wer gereizt ist, obwohl nichts Besonderes passiert ist, entdeckt vielleicht Ruhe oder Schlaf.

Dasselbe Verhalten kann bei zwei Menschen ganz verschiedene Gefühle auslösen, weil verschiedene Bedürfnisse berührt sind. Das ist die entlastende Seite der Liste: Das Gefühl sagt mehr über dich als über den anderen, und damit liegt auch ein Teil der Lösung bei dir.

Gefühle-Liste der Gewaltfreien Kommunikation91 Gefühle in 15 Gruppen, dazu zehn Pseudo-Gefühle und wie du sie übersetzt

Übung: vom Vorwurf zum Bedürfnis

Nimm einen Satz, den du in einem Streit gesagt hast oder gern gesagt hättest, und schreib ihn auf. Oft ist es ein Vorwurf oder eine Forderung, etwa „Nie hilfst du mir im Haushalt“. Frag dich dann: Welches Gefühl steckt darin, und welches Bedürfnis aus der Liste passt dazu?

Im zweiten Schritt formulierst du den Satz neu, nach dem Muster „Ich bin …, weil mir … wichtig ist“. Aus dem Vorwurf wird zum Beispiel: „Ich bin erschöpft, weil mir Unterstützung und eine faire Aufteilung wichtig sind.“ Erst danach kommt die Bitte, und sie ist nur eine von vielen möglichen Strategien.

Eine Variante eignet sich für zwei Personen. Jede schreibt für einen gemeinsamen Streitpunkt zuerst die eigene Strategie auf und dann das Bedürfnis dahinter. Legt die Bedürfnisse nebeneinander und sammelt erst dann Lösungen, die beiden gerecht werden. Bei festgefahrenen Konflikten ersetzt das keine Mediation, es zeigt aber oft, dass man weniger weit auseinanderliegt als gedacht.

Marshall B. Rosenberg, zitiert im LehrplanPLUS-Material des ISB München

Gewalt ist der tragische Ausdruck von nicht befriedigten Bedürfnissen.
Zur Methode: Gewaltfreie Kommunikation

Häufige Fragen

Welche Bedürfnisse gibt es in der Gewaltfreien Kommunikation?

Die Gewaltfreie Kommunikation kennt keine abschließende Liste. Das Center for Nonviolent Communication ordnet Bedürfnisse nach Verbindung, körperlichem Wohl, Ehrlichkeit, Spiel, Frieden, Autonomie und Sinn. Diese Seite ergänzt Sicherheit und Anerkennung als eigene Gruppen und kommt so auf 58 Wörter in neun Gruppen.

Was ist der Unterschied zwischen Bedürfnis und Strategie in der GFK?

Ein Bedürfnis ist allgemein und nennt weder eine Person noch eine Handlung, etwa Ruhe oder Nähe. Eine Strategie ist ein konkreter Weg dorthin, etwa das Radio auszuschalten oder jeden Abend zu telefonieren. Über Strategien lässt sich verhandeln, weil es für jedes Bedürfnis viele davon gibt.

Sind Bedürfnisse in der GFK bei allen Menschen gleich?

In der Gewaltfreien Kommunikation gelten Bedürfnisse als allgemein menschlich: Jeder kennt Ruhe, Sicherheit oder Anerkennung. Verschieden ist, welches Bedürfnis gerade drängt und welche Strategie jemand wählt. Genau darin liegt die Chance, sich im Streit auf der Ebene der Bedürfnisse zu verstehen.

Wie finde ich meine Bedürfnisse mit der Gewaltfreien Kommunikation?

Beginne beim Gefühl und frag dich, was du gerade brauchst, damit es dir besser geht. Die Gefühle-Liste hilft beim ersten Schritt, die Bedürfnisse-Liste beim zweiten. Wenn ein Wort eine Person oder eine Handlung enthält, ist es meist noch eine Strategie; dann frag weiter, wozu sie dir dienen soll.

Wie viele Bedürfnisse umfasst eine Bedürfnisliste der GFK?

Es gibt keine feste Zahl. Listen von Trainingsinstituten und Unterrichtsmaterialien unterscheiden sich in Umfang und Gruppen. Für den Alltag reicht eine Liste, in der du für jede Lage zwei oder drei passende Wörter findest; diese Seite bietet 58 in neun Gruppen.

Was sind die fünf Grundbedürfnisse nach Maslow?

Der Psychologe Abraham Maslow beschrieb 1943 in seinem Aufsatz „A Theory of Human Motivation“ fünf Gruppen grundlegender Bedürfnisse: körperliche Bedürfnisse, Sicherheit, Liebe, Wertschätzung und Selbstverwirklichung. Er ging davon aus, dass ein Bedürfnis meist erst dann in den Vordergrund tritt, wenn ein grundlegenderes weitgehend erfüllt ist.

Die Liste auf dieser Seite folgt keiner Rangfolge. Sie ordnet Bedürfnisse nach Themen, damit du im Gespräch schnell ein passendes Wort findest. Ruhe und Schlaf stehen dort neben Sinn und Kreativität, weil beide in einem Streit gleichzeitig eine Rolle spielen können.

Welche Beispiele gibt es für soziale Bedürfnisse?

In der Liste sind die sozialen Bedürfnisse vor allem in zwei Gruppen versammelt. Zur Verbindung gehören Nähe, Zugehörigkeit, Gemeinschaft, Liebe, Vertrauen, Unterstützung, Empathie und Kooperation. Zur Anerkennung gehören Wertschätzung, Respekt, Gesehenwerden, Verständnis, Akzeptanz und Beachtung.

Im Alltag zeigen sich diese Bedürfnisse oft hinter Sätzen, die nach Vorwurf klingen. „Nie fragst du, wie es mir geht“ kann bedeuten: Mir fehlt gerade Beachtung. Wer das Bedürfnis hört statt des Vorwurfs, hat eine bessere Grundlage für das nächste Wort.

Was sind Individualbedürfnisse und Kollektivbedürfnisse?

Das Lexikon der Wirtschaft, das die Bundeszentrale für politische Bildung veröffentlicht, nennt Individualbedürfnisse solche, die ein Mensch für sich selbst befriedigen kann, etwa Trinken oder Lesen. Kollektivbedürfnisse empfinden viele Menschen gemeinsam, etwa Umweltschutz oder innere Sicherheit.

Diese Einteilung stammt aus der Wirtschaftslehre und fragt, wer ein Bedürfnis befriedigt. Die Gewaltfreie Kommunikation fragt etwas anderes: welches Bedürfnis hinter einem Gefühl oder einem Wunsch steckt, damit zwei Menschen darüber sprechen können.

Was sind psychologische Grundbedürfnisse?

In der Selbstbestimmungstheorie der Psychologen Edward Deci und Richard Ryan gelten drei psychologische Grundbedürfnisse: Autonomie, Kompetenz und soziale Eingebundenheit. Die Theorie untersucht, unter welchen Bedingungen Menschen aus eigenem Antrieb handeln.

Alle drei findest du in ähnlicher Form auch in der Liste auf dieser Seite: Selbstbestimmung und Wahlmöglichkeit in der Gruppe Autonomie, Kompetenz und Wirksamkeit in der Gruppe Sinn, Zugehörigkeit und Gemeinschaft in der Gruppe Verbindung.

Vom Verfahren zur eigenen Mission

Jede dieser Methoden ist von Menschen entwickelt worden, die einen Streit vor sich hatten und ihn anders führen wollten. Dieselbe Haltung braucht es im Kleinen: in einer Nachbarschaft, einer Schule, einem Verein.

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