Streit lösen
Das Harvard-Konzept
Nicht hart und nicht weich, sondern sachbezogen: vier Prinzipien, die aus einem Kräftemessen eine gemeinsame Aufgabe machen sollen
In Zahlen
4
Prinzipien
Person, Interessen, Möglichkeiten, Maßstäbe
1
Frage vor der Verhandlung
was ist meine beste Alternative ohne Einigung
2
Ergebnisse gelten als Erfolg
eine Einigung oder eine bewusste Nichteinigung
- Herkunft
- Entwickelt am Harvard Negotiation Project, veröffentlicht von Roger Fisher und William Ury
- Einsatzfeld
- Verhandlungen jeder Art, von Tarifgesprächen bis zur Nachbarschaft
- Aufwand
- Vorbereitung entscheidet, das Gespräch selbst kann kurz sein
- Rolle von außen
- Keine dritte Person nötig, eine Seite kann das Verfahren einbringen
Was ist das Harvard-Konzept?
Das Harvard-Konzept ist eine Methode des sachbezogenen Verhandelns, entwickelt am Harvard Negotiation Project und bekannt geworden durch das Buch von Roger Fisher und William Ury. Es beschreibt einen dritten Weg zwischen hartem und nachgiebigem Verhandeln.
Der Ausgangspunkt ist eine Beobachtung: Wer hart verhandelt, gewinnt vielleicht die Sache und beschädigt die Beziehung; wer nachgibt, erhält die Beziehung und verliert die Sache. Beide Wege behandeln Verhandeln als Kräftemessen.
Die Alternative besteht in vier Prinzipien: Menschen und Probleme getrennt behandeln, auf Interessen statt auf Positionen schauen, Möglichkeiten zum beiderseitigen Vorteil entwickeln und das Ergebnis an objektiven Maßstäben ausrichten.
Wie funktioniert das Harvard-Konzept im Gespräch?
Der wirksamste Teil liegt vor der Verhandlung. Zur Vorbereitung gehört die Frage, was die eigene beste Alternative ist, falls keine Einigung zustande kommt. Wer sie kennt, weiß, ab wann ein Angebot schlechter ist als kein Abschluss, und muss nicht raten.
Im Gespräch selbst ist der Übergang von Positionen zu Interessen die eigentliche Arbeit. Er gelingt über Fragen, nicht über Erklärungen: Warum ist Ihnen dieser Punkt wichtig, was müsste erfüllt sein, wofür ist das die Lösung?
Der letzte Schritt entlastet beide Seiten. Wenn ein anerkannter Maßstab entscheidet, muss niemand nachgeben, weil er schwächer ist. Das nimmt dem Ergebnis den Charakter von Sieg und Niederlage, und gerade daran hängt, ob es danach eingehalten wird.
Wann passt das Harvard-Konzept?
Bei allem, worüber verhandelt wird und wo beide Seiten danach weiter miteinander zu tun haben: Gehalt, Mietsache, Aufgabenteilung im Verein, Zusammenarbeit zwischen Organisationen.
Es passt besonders, wenn eine Einigung möglich, aber nicht erzwingbar ist. Dort wirkt das Prinzip der Maßstäbe am stärksten, weil es eine Begründung liefert, die beide Seiten vor ihren eigenen Leuten vertreten können.
Es ist auch einseitig einsetzbar. Niemand muss zustimmen, sachbezogen zu verhandeln; die Fragen nach dem Warum und der Hinweis auf einen anerkannten Maßstab wirken auch dann, wenn die Gegenseite das Konzept nicht kennt.
Wo liegen die Grenzen des Harvard-Konzepts?
Die erste Grenze ist ein starkes Ungleichgewicht. Wer eine schlechte Alternative hat und keine Zeit, verhandelt aus einer schwachen Lage, und daran ändert die Methode wenig. Sie hilft, das früh zu erkennen, statt es am Ende zu bemerken.
Die zweite Grenze sind Wertkonflikte. Wo es um Überzeugungen geht und nicht um teilbare Güter, gibt es keinen Maßstab, den beide anerkennen. Dann geht es nicht mehr um Einigung, sondern um einen Umgang miteinander, und dafür sind andere Verfahren zuständig.
Die dritte Grenze betrifft die Gegenseite. Wer bewusst täuscht oder Druck als Mittel wählt, ist über Sachbezug nicht erreichbar. Fisher und Ury behandeln das als eigenen Fall: Dann wird nicht über die Sache verhandelt, sondern zuerst über die Spielregeln.
Wie fängt man mit dem Harvard-Konzept an?
Vor dem nächsten Gespräch zwei Zeilen aufschreiben: Was ist meine Position, und was ist das Interesse dahinter? Dieselben zwei Zeilen für die andere Seite, so gut es aus der Entfernung geht. Diese Vorbereitung dauert zehn Minuten und verändert den Verlauf.
Dann die Alternative bestimmen: Was mache ich, wenn wir uns nicht einigen? Wer diese Antwort hat, kann ruhig bleiben, ohne zu bluffen. Wer sie nicht hat, redet sich unter Druck in Abschlüsse hinein.
Und im Gespräch eine einzige Gewohnheit ändern: auf die erste Forderung nicht mit einer Gegenforderung antworten, sondern mit einer Frage nach dem Warum. Mehr braucht es für den Anfang nicht.
Der Kern
Wer weiß, was er ohne Einigung hat, verhandelt ruhiger. Die stärkste Position am Tisch ist eine gute Alternative abseits davon.
Quellen
Die Schritte
- Person und Sache trennenHart in der Sache, weich zur Person. Wer einen Vorwurf erhebt, verhandelt danach über den Vorwurf. Wer die Sache benennt und die Person stehen lässt, behält beides: die Forderung und das Gegenüber.
- Interessen statt PositionenEine Position ist, was jemand verlangt; ein Interesse ist, warum. Zwei Positionen können sich ausschließen, zwei Interessen selten. Die Frage nach dem Warum öffnet den Raum, in dem überhaupt etwas zu finden ist.
- Möglichkeiten entwickelnErst sammeln, dann bewerten. Wer beides gleichzeitig tut, bekommt weniger Möglichkeiten und schlechtere. Gesucht werden Lösungen, die beiden Seiten nützen, nicht ein Mittelwert zwischen zwei Forderungen.
- Nach Maßstäben entscheidenNicht der stärkere Wille entscheidet, sondern ein Kriterium, das beide anerkennen: Marktpreis, Gutachten, Verkehrswert, geltende Regel. Damit verliert das Ergebnis den Charakter eines Sieges.
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