Streit lösen
Ich-Botschaften: Beispiele aus dem Alltag
Zehn Sätze, einmal als Du-Botschaft und einmal als Ich-Botschaft in drei Teilen. Nebeneinander zeigt sich, was ein Vorwurf verschweigt
Das Wichtigste in Kürze
- Eine Ich-Botschaft hat drei Teile: das Verhalten, das dich stört, seine Wirkung auf dich und dein Gefühl dabei. Oft folgt ein Wunsch.
- Eine Du-Botschaft bewertet den anderen. Eine Ich-Botschaft beschreibt, was sein Verhalten bei dir auslöst, und lässt ihm Raum zu reagieren.
- Die zehn Beispiele stammen aus acht Lebensbereichen, von Familie und Schule bis Wohngemeinschaft und Nachbarschaft.
- „Ich finde, du bist …“ bleibt eine Du-Botschaft. Entscheidend ist, ob du ein Urteil fällst oder eine Wirkung beschreibst.
In Zahlen
3
Teile je Ich-Botschaft
Verhalten, Wirkung, Gefühl
10
Beispiele
jeweils als Du-Botschaft und als Ich-Botschaft
8
Lebensbereiche
von Familie und Schule bis Wohngemeinschaft und Nachbarschaft
Verhalten beschreiben
Was ist passiert, so wie eine Kamera es aufgenommen hätte? Ohne „immer“ oder „nie“: „Wenn nach 22 Uhr noch laut Musik läuft,“
Wirkung nennen
Was bewirkt das konkret bei dir? „… kann ich nicht einschlafen,“
Gefühl sagen
Wie geht es dir dabei? Das Gefühl gehört dir: „… und am nächsten Morgen bin ich gereizt.“
Wunsch, wenn es hilft
Bei Gordon gehört er nicht zur Ich-Botschaft, damit der andere selbst eine Lösung finden kann. Die Gewaltfreie Kommunikation macht ihn als Bitte zu einem festen Schritt.
Du-Botschaft
- Spricht über
- den anderen und seine Eigenschaften
- Beispiel
- „Du mischst dich immer in mein Leben ein.“
- Das Gegenüber
- muss sich gegen „immer“ verteidigen
- Was offen bleibt
- was dich eigentlich stört
Ich-Botschaft
- Spricht über
- ein Verhalten und seine Wirkung auf dich
- Beispiel
- „Wenn du beim Sonntagsessen fragst, wann ich endlich eine feste Stelle habe, mag ich danach nichts mehr von mir erzählen, und das macht mich traurig.“
- Das Gegenüber
- erfährt, was seine Frage auslöst
- Was offen bleibt
- wie der andere darauf reagieren will
Was eine Ich-Botschaft ausmacht
Eine Ich-Botschaft sagt, was ein Verhalten bei dir auslöst, statt die andere Person zu bewerten. Sie hat drei Teile: das Verhalten, beschrieben ohne Wertung, die konkrete Wirkung auf dich und das Gefühl, das dabei entsteht. Aus „Du bist so rücksichtslos“ wird zum Beispiel: „Wenn nach 22 Uhr noch laut Musik läuft, kann ich nicht einschlafen, und am nächsten Morgen bin ich gereizt.“
Das Gegenstück ist die Du-Botschaft. Sie weist dem anderen die Verantwortung für eine Störung zu und klingt wie ein Urteil über seinen Charakter. Wer so angesprochen wird, verteidigt sich meist gegen das Urteil und nicht mehr gegen den Anlass. Die Ich-Botschaft lässt das Urteil weg und liefert dafür eine Information, die in der Du-Botschaft fehlt: was genau stört und warum.
Der Begriff geht auf den US-Psychologen Thomas Gordon zurück, der Ich-Botschaften zusammen mit dem aktiven Zuhören für Familien beschrieben hat. Heute werden sie auch in Schulen, in Teams und in Beratungen geübt. Die Beispiele unten zeigen die drei Teile einzeln; im echten Gespräch fließen sie in einen Satz zusammen.
Zehn Beispiele für Ich-Botschaften
Die Beispiele stammen aus acht Lebensbereichen, weil sich die typischen Du-Botschaften je nach Umfeld unterscheiden: In Familien geht es oft um Absprachen, in der Schule um Störungen, im Beruf um Arbeitslast und Rückmeldungen, in Wohngemeinschaft und Nachbarschaft um Rücksicht.
Achte beim Lesen vor allem auf den ersten Teil. Die Beschreibung des Verhaltens ersetzt Wörter wie „immer“, „ständig“ oder „total“ durch einen konkreten Anlass, den das Gegenüber bestätigen kann. Der zweite Teil, die Wirkung, ist der, den Du-Botschaften fast immer auslassen, obwohl er erst verständlich macht, warum ein Verhalten stört.
Zu jedem Beispiel steht ein möglicher Wunsch. Er gehört bei Gordon nicht zur eigentlichen Ich-Botschaft, denn die soll dem anderen die Wahl lassen, selbst eine Lösung zu finden. Im Alltag hilft ein Wunsch aber oft, und die Gewaltfreie Kommunikation macht ihn als Bitte zu einem festen Schritt.
Familie: Fragen am Esstisch
Als Du-Botschaft
Du mischst dich immer in mein Leben ein.
Als Ich-Botschaft
- Verhalten
- Wenn du beim Sonntagsessen fragst, wann ich endlich eine feste Stelle habe,
- Wirkung
- mag ich danach nichts mehr von mir erzählen,
- Gefühl
- und das macht mich traurig.
- Wunsch
- Mir würde helfen, wenn wir das Thema beim Essen auslassen.
Was sich ändert: Die Eltern erfahren, dass ihre Frage Nähe verhindert, statt sich gegen „immer“ verteidigen zu müssen.
Partnerschaft: Wochenendpläne
Als Du-Botschaft
Du denkst nur an dich.
Als Ich-Botschaft
- Verhalten
- Wenn du für Samstag bei deinen Freunden zusagst, ohne mich vorher zu fragen,
- Wirkung
- muss ich meine eigenen Pläne absagen,
- Gefühl
- und ich ärgere mich.
- Wunsch
- Frag mich bitte kurz, bevor du für uns beide zusagst.
Was sich ändert: Aus einem Urteil über den Charakter wird ein Anlass, über den sich reden lässt.
Kinder: Lärm beim Telefonieren
Als Du-Botschaft
Du bist so laut, das nervt!
Als Ich-Botschaft
- Verhalten
- Wenn du im Flur Ball spielst, während ich telefoniere,
- Wirkung
- verstehe ich nicht, was die Person am Telefon sagt,
- Gefühl
- und ich werde ungeduldig.
- Wunsch
- Kannst du im Garten weiterspielen, bis ich fertig bin?
Was sich ändert: Das Kind hört, was genau stört, und nicht, dass es selbst nervt.
Kinder: später nach Hause
Als Du-Botschaft
Du bist total verantwortungslos.
Als Ich-Botschaft
- Verhalten
- Wenn du eine Stunde später als verabredet nach Hause kommst und dein Handy aus ist,
- Wirkung
- stelle ich mir vor, was passiert sein könnte, und kann an nichts anderes denken,
- Gefühl
- und ich habe Angst um dich.
- Wunsch
- Schreib mir bitte eine Nachricht, wenn es später wird.
Was sich ändert: Hinter dem Vorwurf wird die Sorge sichtbar, und die ist für Jugendliche leichter anzunehmen.
Schule: Störung im Unterricht
Als Du-Botschaft
Du störst ständig den Unterricht.
Als Ich-Botschaft
- Verhalten
- Wenn du während meiner Erklärung mit deinem Nachbarn redest,
- Wirkung
- verliere ich den Faden und muss neu anfangen,
- Gefühl
- und das ärgert mich.
- Wunsch
- Heb dir das Gespräch bitte für die Pause auf.
Was sich ändert: Die Lehrkraft spricht über eine Situation, nicht über den Schüler als Person.
Arbeit: Aufgaben am Freitag
Als Du-Botschaft
Du lädst immer alles bei mir ab.
Als Ich-Botschaft
- Verhalten
- Wenn am Freitagnachmittag drei neue Aufgaben mit Frist Montag bei mir ankommen,
- Wirkung
- muss ich am Wochenende arbeiten,
- Gefühl
- und das frustriert mich.
- Wunsch
- Können wir dringende Aufgaben bis Donnerstag absprechen?
Was sich ändert: Die Wirkung macht die Arbeitslast greifbar, ohne der Kollegin Absicht zu unterstellen.
Arbeit: Kritik vor anderen
Als Du-Botschaft
Du machst mich vor allen lächerlich.
Als Ich-Botschaft
- Verhalten
- Wenn du meinen Fehler in der Teamrunde vor allen ansprichst,
- Wirkung
- kann ich ihn nicht mehr in Ruhe erklären,
- Gefühl
- und mir ist das sehr unangenehm.
- Wunsch
- Sprich mich bei so etwas bitte zuerst unter vier Augen an.
Was sich ändert: Die Kritik bleibt deutlich, aber sie betrifft einen Moment und nicht die Absicht des anderen.
Nachbarschaft: Einfahrt
Als Du-Botschaft
Sie parken hier ja absichtlich so.
Als Ich-Botschaft
- Verhalten
- Wenn Ihr Auto morgens vor unserer Einfahrt steht,
- Wirkung
- komme ich nicht aus der Garage und bin zu spät bei der Arbeit,
- Gefühl
- und das macht mich nervös.
- Wunsch
- Könnten Sie ein paar Meter weiter vorn parken?
Was sich ändert: Die Nachbarin muss keine Absicht zurückweisen und kann einfach umparken.
Wohngemeinschaft: Bad
Als Du-Botschaft
Du bist echt rücksichtslos.
Als Ich-Botschaft
- Verhalten
- Wenn nach deinem Duschen das Bad unter Wasser steht und die Handtücher am Boden liegen,
- Wirkung
- muss ich erst aufwischen, bevor ich selbst ins Bad kann,
- Gefühl
- und das nervt mich.
- Wunsch
- Magst du nach dem Duschen kurz das Wasser abziehen?
Was sich ändert: Ein konkreter Anlass ist leichter zu ändern als eine Eigenschaft.
Freundschaft: geliehenes Geld
Als Du-Botschaft
Typisch, du hast mein Geld wohl vergessen.
Als Ich-Botschaft
- Verhalten
- Wenn die 50 Euro vom Konzert seit zwei Monaten offen sind und wir nicht darüber reden,
- Wirkung
- denke ich bei jedem Treffen daran,
- Gefühl
- und ich bin unsicher, wie ich es ansprechen soll.
- Wunsch
- Können wir ausmachen, bis wann du es zurückgibst?
Was sich ändert: Die Ich-Botschaft schützt die Freundschaft, weil sie über das Geld spricht und nicht über den Charakter.
Häufige Fehler bei Ich-Botschaften
Der häufigste Fehler ist die verkappte Du-Botschaft. „Ich finde, dass du egoistisch bist“ beginnt mit ich, bleibt aber ein Urteil über den anderen. Dasselbe gilt für „Ich habe das Gefühl, dass du mich nicht ernst nimmst“: Nach „dass“ folgt keine Aussage über dich, sondern eine Vermutung über die Absicht des anderen. Unterrichtsmaterial zu Ich-Botschaften warnt deshalb ausdrücklich davor, nur „Ich finde, dass …“ voranzustellen.
Der zweite Fehler sind Übertreibungen. Wörter wie „immer“, „nie“, „ständig“ oder „jedes Mal“ machen aus einem Anlass einen Charakterzug. Das Gegenüber findet sofort eine Ausnahme und streitet über die Ausnahme statt über die Sache. Eine Ich-Botschaft beschreibt deshalb den einen Anlass, um den es gerade geht, und lässt die Vorgeschichte weg.
Der dritte Fehler ist die abgegebene Verantwortung. „Du machst mich wütend“ klingt nach Gefühl, gibt die Verantwortung dafür aber dem anderen. In einer Ich-Botschaft gehört das Gefühl dir: „Ich bin wütend, wenn …“. Ähnlich wirkt ein Gefühl, das eigentlich ein Vorwurf ist, etwa „Ich fühle mich ausgenutzt“. Und schließlich verliert jede Ich-Botschaft ihren Sinn, wenn sie mit scharfem Ton oder vor Publikum fällt.
Übung: aus Du-Botschaften Ich-Botschaften machen
Schreib drei Du-Botschaften auf, die du in der letzten Woche gesagt oder gedacht hast. Beantworte zu jeder drei Fragen: Was genau ist passiert, so wie eine Kamera es aufgenommen hätte? Was hat das bei mir konkret bewirkt? Wie ging es mir dabei? Setz die drei Antworten zu einem Satz zusammen, der mit „Wenn“ beginnt.
Lies den Satz danach laut und prüf ihn auf die drei Fehler: Steht irgendwo „immer“ oder „nie“? Folgt nach „ich finde“ oder „ich habe das Gefühl“ ein „dass du“? Beschreibt das Gefühlswort deinen Zustand oder das, was der andere getan hat? Wenn eine Frage zutrifft, formuliere den Teil neu.
Probier die Sätze dann an einer kleinen Sache aus, nicht am größten Konflikt. Eine Ich-Botschaft über ein Handtuch am Boden ist leichter zu sagen und leichter zu hören als eine über jahrelangen Ärger. Rechne nicht damit, dass der andere sofort einlenkt. Die Ich-Botschaft öffnet ein Gespräch; was danach kommt, gehört beiden, und dann hilft aktives Zuhören weiter.
Lehrerfortbildungsserver Baden-Württemberg, Arbeitsblatt zu Ich-Botschaften
Damit die gute Beziehung nicht leidet, ist es empfehlenswert, den Ärger auf eine andere Art zu formulieren, bei der die Aussage über die eigene Person im Mittelpunkt steht, durch „Ich-Botschaften“.
Quellen
- Lehrerfortbildungsserver Baden-Württemberg, Arbeitsblatt: Wertschätzend Rückmeldung geben mit Ich-Botschaften
- IFP Familienhandbuch des Staatsinstituts für Frühpädagogik und Medienkompetenz: Das Gordon Familientraining, mit Ich-Botschaften und aktivem Zuhören
- Gordon Training International: Thomas Gordon and Parent Effectiveness Training
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Häufige Fragen
Wie sieht ein gutes Beispiel für Ich-Botschaften aus?
Ein gutes Beispiel verbindet Verhalten, Wirkung und Gefühl: „Wenn die Unterlagen erst kurz vor der Sitzung kommen, kann ich sie nicht mehr lesen, und das macht mich unruhig.“ Der Satz nennt einen konkreten Anlass, eine überprüfbare Folge und ein Gefühl, aber kein Urteil über die andere Person.
Was unterscheidet Ich-Botschaften von Du-Botschaften an einem Beispiel?
Die Du-Botschaft „Du bist unzuverlässig“ bewertet den Charakter. Die Ich-Botschaft „Wenn du eine Stunde nach der verabredeten Zeit kommst, sitze ich allein da und ärgere mich“ beschreibt, was passiert ist und wie es wirkt. Die erste lädt zur Verteidigung ein, die zweite zu einer Antwort.
Welche Ich-Botschaften passen für Kinder?
Für Kinder eignen sich kurze Ich-Botschaften mit einfachen Wörtern und einem Anlass, der gerade passiert: „Wenn du auf dem Sofa springst, habe ich Angst, dass du fällst.“ Jüngere Kinder verstehen die Wirkung besser, wenn sie sichtbar ist, etwa ein umgekipptes Glas oder ein verpasster Bus.
Wie klingen Ich-Botschaften im Beruf?
Im Beruf richten sich Ich-Botschaften auf die Sache: „Mir fehlen im Bericht die Zahlen aus dem letzten Quartal, ohne sie kann ich die Entscheidung nicht vorbereiten, und das setzt mich unter Zeitdruck.“ Die Kritik bleibt deutlich, aber sie betrifft die Arbeit und nicht die Person.
Gibt es auch positive Ich-Botschaften?
Ja. Eine positive Ich-Botschaft sagt, was ein Verhalten bei dir Gutes bewirkt hat: „Als du gestern den Einkauf übernommen hast, hatte ich einen ruhigen Abend, das hat mir gutgetan.“ Sie wirkt konkreter als ein allgemeines Lob, weil das Gegenüber erfährt, was genau geholfen hat.
Welche Bausteine hat eine Ich-Botschaft?
Die klassische Ich-Botschaft hat drei Bausteine: das konkrete Verhalten, das dich stört, die Wirkung, die es auf dich hat, und dein Gefühl dabei. „Wenn du beim Telefonieren laut Musik hörst, verstehe ich mein Gegenüber kaum, und das stresst mich.“
Viele Anleitungen ergänzen einen vierten Baustein, den Wunsch. Auch die Beispiele auf dieser Seite schließen mit einem Satz wie „Mir würde helfen, wenn …“. Der Wunsch macht deutlich, was sich ändern könnte, und lässt dem anderen trotzdem die Wahl.
Von wem stammt die Ich-Botschaft?
Bekannt gemacht hat sie der US-amerikanische Psychologe und Psychotherapeut Thomas Gordon. In seinem Buch „Die Familienkonferenz“ von 1970 beschrieb er, wie Eltern und Kinder Beziehungen gestalten können, die auch Konflikte tragen. Ich-Botschaften und aktives Zuhören sind dort zwei zentrale Werkzeuge.
Gordons Gedanke: Menschen, die von sich selbst sprechen, sind leichter zu verstehen, und ihr Gegenüber muss sich nicht gegen ein Urteil wehren.
Warum wirken Ich-Botschaften manchmal nicht?
Meist, weil sie nur die Form einer Ich-Botschaft haben. „Ich fühle mich von dir ausgenutzt“ beginnt mit ich, enthält aber einen Vorwurf. Auch ein scharfer Ton, ein ungünstiger Moment oder Zuschauer können eine gut gebaute Ich-Botschaft entwerten.
Und manchmal ist der andere gerade selbst zu aufgewühlt, um zuzuhören. Dann hilft es, zuerst ihm zuzuhören und die eigene Ich-Botschaft auf später zu verschieben. Eine Ich-Botschaft öffnet ein Gespräch, sie garantiert kein bestimmtes Ergebnis.
Vom Verfahren zur eigenen Mission
Jede dieser Methoden ist von Menschen entwickelt worden, die einen Streit vor sich hatten und ihn anders führen wollten. Dieselbe Haltung braucht es im Kleinen: in einer Nachbarschaft, einer Schule, einem Verein.
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