Menschen
Willy Brandt
Der Bundeskanzler, der mit Gesprächen, Verträgen und einer stummen Geste in Warschau die Entspannung zwischen Ost und West und die Aussöhnung mit den östlichen Nachbarn suchte
In Zahlen
1971
Friedensnobelpreis
für den Weg zu einem Dialog zwischen Ost und West
1969
Bundeskanzler
bis 1974, als erster Sozialdemokrat in diesem Amt
1970
Kniefall von Warschau
am 7. Dezember, dem Tag des Warschauer Vertrags
- Lebensdaten
- 18. Dezember 1913 bis 8. Oktober 1992
- Herkunft
- Lübeck, Deutschland
- Rolle
- Regierender Bürgermeister von Berlin, Bundeskanzler von 1969 bis 1974
- Auszeichnung
- Friedensnobelpreis 1971

Wer war Willy Brandt?
Willy Brandt war ein deutscher Politiker der SPD, von 1957 bis 1966 Regierender Bürgermeister von Berlin und von 1969 bis 1974 Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland. Mit seiner „Neuen Ostpolitik“ schlug er einen Kurs der Entspannung und Versöhnung mit den Staaten des Warschauer Paktes ein. Dafür erhielt er 1971 den Friedensnobelpreis. Das Nobelkomitee ehrte ihn dafür, den Weg für einen sinnvollen Dialog zwischen Ost und West bereitet zu haben.
Geboren wurde er am 18. Dezember 1913 in Lübeck als Herbert Ernst Karl Frahm. Er wuchs bei seinem Großvater auf, einem Arbeiter und SPD-Mitglied, und war schon als Schüler in der Sozialistischen Arbeiterjugend aktiv. 1933 floh er vor der nationalsozialistischen Verfolgung über Dänemark nach Norwegen und nannte sich fortan Willy Brandt. 1938 bürgerten ihn die Nationalsozialisten aus, und nach der deutschen Besetzung Norwegens 1940 ging er nach Stockholm, wo er als Journalist arbeitete.
Nach dem Krieg berichtete er als Korrespondent skandinavischer Zeitungen aus Deutschland, unter anderem über die Nürnberger Prozesse. 1948 erhielt er die deutsche Staatsbürgerschaft zurück und führte den Namen Brandt von da an als amtlichen Namen. Während der Berlin-Blockade arbeitete er eng mit dem Regierenden Bürgermeister Ernst Reuter zusammen, 1957 übernahm er selbst dieses Amt. Von 1964 bis 1987 war er Vorsitzender der SPD, von 1966 bis 1969 Außenminister und Vizekanzler der Großen Koalition.
Nach der Bundestagswahl 1969 wurde er Bundeskanzler einer Koalition aus SPD und FDP, mit Walter Scheel als Außenminister. Im Mai 1974 trat er zurück, nachdem der DDR-Spion Günter Guillaume in seinem Umfeld enttarnt worden war. Danach war er bis 1992 Präsident der Sozialistischen Internationale und leitete ab 1977 die Nord-Süd-Kommission, die sich mit Fragen der internationalen Entwicklung befasste. Er starb am 8. Oktober 1992 in Unkel bei Bonn.
Wofür setzte sich Willy Brandt ein?
Er setzte sich dafür ein, dass Krieg kein Mittel der Politik mehr sein dürfe und Frieden durch Entspannung, Gewaltverzicht und Gespräche über die Blockgrenzen hinweg gesichert werde. Diese Überzeugung wuchs in Berlin, am Schnittpunkt des Ost-West-Konflikts. Nach den gescheiterten Volksaufständen in Osteuropa kam er zu dem Schluss, dass sich die kommunistische Herrschaft nicht mit Gewalt beseitigen lasse, ohne einen Atomkrieg zu riskieren. Der Westen könne nur mit Entspannung, „friedlicher Koexistenz“ und Austausch zwischen den Blöcken langfristig etwas verändern.
Nach dem Bau der Mauer 1961 verfolgte er als Regierender Bürgermeister eine „Politik der kleinen Schritte“, die das Leben der Menschen im geteilten Berlin erleichtern sollte. Sein engster Berater Egon Bahr prägte dafür 1963 die Formel „Wandel durch Annäherung“. Die ersten Verhandlungen mit der DDR-Regierung führten zum ersten Passierscheinabkommen, durch das Hunderttausende West-Berliner über die Weihnachtstage 1963/64 Verwandte im Ostteil der Stadt besuchen konnten. Statt großer Reden über die Wiedervereinigung ging es um spürbare Erleichterungen für getrennte Familien.
Ein zweiter Grundsatz war die Aussöhnung mit den östlichen Nachbarn. Er war überzeugt, dass eine Versöhnung mit Polen nur möglich sei, wenn Deutschland die Grenze an Oder und Neiße nicht mehr in Frage stellte. Als Außenminister sprach er sich 1968 erstmals für die Respektierung dieser Grenze aus, konnte sich damit in der Großen Koalition aber nicht durchsetzen. Zugleich hielt er am Ziel der deutschen Einheit und am Selbstbestimmungsrecht der Deutschen fest.
In seiner Nobelvorlesung 1971 stellte er diese Politik in eine längere Linie der deutschen Geschichte. Er erinnerte an Gustav Stresemann, der nach dem Ersten Weltkrieg für die Verständigung mit Frankreich gekämpft hatte, und an Carl von Ossietzky, der den Friedensnobelpreis für 1935 als Gefangener erhielt. Als junger Exilant in Norwegen hatte Brandt selbst an der Kampagne für diesen Preis mitgewirkt. Frieden verstand er nicht als bloße Abwesenheit von Krieg, sondern als dauernde Aufgabe, zu der auch Gerechtigkeit zwischen den Völkern gehört.
Aus seiner Nobelvorlesung „Friedenspolitik in unserer Zeit“ in Oslo am 11. Dezember 1971.
Der Krieg darf kein Mittel der Politik sein. Es geht darum, Kriege abzuschaffen, nicht nur, sie zu begrenzen.
Was erreichte Willy Brandt für den Frieden?
Er erreichte, dass die Bundesrepublik ihr Verhältnis zur Sowjetunion, zu Polen, zur DDR und zur Tschechoslowakei vertraglich neu ordnete und dabei auf Gewalt verzichtete. Am 12. August 1970 wurde der Moskauer Vertrag unterzeichnet, am 7. Dezember 1970 der Warschauer Vertrag. Es folgten im Dezember 1972 der Grundlagenvertrag mit der DDR und im Dezember 1973 der Prager Vertrag mit der Tschechoslowakei. Die Bundesrepublik akzeptierte damit die Oder-Neiße-Grenze als Westgrenze Polens und den Verlust der früheren deutschen Ostgebiete als Ergebnis des Zweiten Weltkriegs.
Das bekannteste Bild dieser Politik entstand am Tag des Warschauer Vertrags. Vor dem Denkmal für die Opfer des Aufstands im Warschauer Ghetto legte Brandt einen Kranz nieder und kniete in der Gedenkminute nieder. Die Bundeskanzler-Willy-Brandt-Stiftung beschreibt den Kniefall als Bekenntnis zu Schuld und Verantwortung der Deutschen für die millionenfachen Verbrechen des NS-Regimes. Das amerikanische Nachrichtenmagazin „Time“ wählte ihn für 1970 zum Mann des Jahres.
Die Verträge veränderten auch den Alltag vieler Menschen. Regelungen im innerdeutschen Reise-, Besuchs- und Postverkehr brachten Erleichterungen für Millionen Deutsche. Nach der Darstellung von NobelPrize.org legten die Ostverträge zudem die Grundlage für das Viermächteabkommen über Berlin, das Familien aus beiden Teilen der Stadt Besuche erleichterte. Außerdem unterzeichnete seine Regierung den Vertrag über die Nichtverbreitung von Kernwaffen.
International gewann die Bundesrepublik durch diese Politik das Ansehen eines dem Frieden verpflichteten Partners, ohne ihre Verankerung im westlichen Bündnis in Frage zu stellen. Die Ostpolitik trug dazu bei, Spannungen zwischen den Blöcken abzubauen, und ging 1973 in eine multilaterale Phase über. Deren Höhepunkt war 1975 die Schlussakte von Helsinki, in der sich 35 Staaten zur Unverletzlichkeit der Grenzen und zur Achtung der Menschenrechte verpflichteten. Auch nach seiner Kanzlerschaft blieb er dem Thema treu, etwa mit dem Bericht der Nord-Süd-Kommission „Das Überleben sichern“ von 1980.
Welche Kritik gibt es an Willy Brandt?
Die Ostpolitik war innenpolitisch heftig umstritten, vor allem die Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze. Für viele Vertriebene bedeutete sie den endgültigen Verlust ihrer Heimat, und die Vertriebenenverbände bekämpften die Ostverträge ebenso wie die Opposition aus CDU und CSU. Im Bundestag blieben die Verträge Gegenstand harter Auseinandersetzungen. Brandt selbst hatte aus seiner Berliner Zeit den Schluss gezogen, dass die Berufung auf Rechtspositionen, die sich nicht verwirklichen ließen, nur verbal überspielte Ohnmacht sei; so beschrieb er es in seiner Nobelvorlesung.
Der Streit reichte bis in die eigene Koalition. Wegen der Ostpolitik verließen mehrere Abgeordnete von SPD und FDP das Regierungslager, und im April 1972 scheiterte ein konstruktives Misstrauensvotum der CDU/CSU gegen ihn. Im September 1972 stellte er die Vertrauensfrage mit dem Ziel, sie zu verlieren und so Neuwahlen herbeizuführen. Verfassungsrechtler kritisierten dieses Vorgehen, weil eine absichtlich verlorene Vertrauensfrage im Grundgesetz nicht vorgesehen sei.
Ein weiterer Kritikpunkt betrifft seine Haltung zu den Bürgerrechtsbewegungen in Osteuropa in den 1980er Jahren. Um seine Beziehungen zu den Regierenden nicht zu gefährden, vermied er eine öffentliche Parteinahme für Oppositionelle. Dass er auf die Verhängung des Kriegsrechts in Polen 1981 relativ moderat reagierte und bei seinem Polen-Besuch 1985 nicht mit dem Solidarność-Anführer Lech Wałęsa zusammenkam, stieß nach der Darstellung der Bundeskanzler-Willy-Brandt-Stiftung auf viel Kritik. Auch die Vereinbarungen, die die SPD in dieser Zeit mit der SED aushandelte, waren stark umstritten.
Seine Kanzlerschaft endete mit einer Spionageaffäre. Mit Günter Guillaume hatte ein Spion der DDR in seinem Umfeld gearbeitet und Einblick auch in private Angelegenheiten erhalten. Im Mai 1974, anderthalb Jahre nach dem Wahlsieg vom November 1972, übernahm Brandt die politische Verantwortung und trat zurück. In seinem Rücktrittsschreiben sprach er von „Fahrlässigkeiten“ und betonte, ein Kanzler dürfe nicht „erpressbar“ sein.
Aus derselben Nobelvorlesung, in der er Friedenspolitik als „wahre Realpolitik dieser Epoche“ bezeichnete.
Krieg ist nicht mehr die ultima ratio, sondern die ultima irratio.
Was bleibt von Willy Brandt?
Von ihm bleibt vor allem der Gedanke, dass Frieden aktiv gestaltet werden muss und mit Gesprächen beginnen kann, auch wenn die Standpunkte weit auseinanderliegen. Die Ostpolitik verringerte Spannungen im Kalten Krieg und hielt Verbindungen zwischen den Menschen in Ost und West lebendig. Die Bundeskanzler-Willy-Brandt-Stiftung sieht darin wichtige Voraussetzungen dafür, dass der Kalte Krieg enden und die Teilung Deutschlands und Europas überwunden werden konnte. Diese Einschätzung steht neben den kritischen Stimmen, die es zu seiner Politik bis heute gibt.
Der Kniefall von Warschau ist bis heute eines der bekanntesten Bilder der deutschen Nachkriegsgeschichte. Er zeigt, dass eine Geste ohne Worte manchmal mehr ausdrückt als eine Rede. Das Lebendige Museum Online beschreibt ihn als stumme Abbitte eines Repräsentanten des „anderen“ Deutschland für die Verbrechen, die von Deutschen und im Namen Deutschlands verübt wurden. Brandt selbst hatte die Jahre des Nationalsozialismus als Verfolgter im Exil verbracht.
Am 10. November 1989, am Tag nach dem Fall der Mauer, sprach er vor dem Schöneberger Rathaus in West-Berlin, wo er als Regierender Bürgermeister die Jahre der Teilung erlebt hatte. Im Dezember 1990 eröffnete er als Alterspräsident die erste Sitzung des gesamtdeutschen Bundestages im Reichstagsgebäude. 1991 stimmte der Bundestag auf seinen Antrag hin mit 338 zu 320 Stimmen für Berlin als Regierungssitz. Nach seinem Tod 1992 wurde er dort mit einem Staatsakt geehrt.
Seine Nobelvorlesung verbindet ihn mit zwei früheren deutschen Preisträgern. Gustav Stresemann steht für den Versuch der Weimarer Republik, nach dem Ersten Weltkrieg Vertrauen zu Frankreich aufzubauen, Carl von Ossietzky für den Mut, gegen Militarismus und Nationalismus zu schreiben, auch um den Preis des eigenen Lebens. Brandt dankte dem Nobelkomitee 1971 „im Namen eines freien Deutschland“ für die Wahl Ossietzkys. Nebeneinander gelesen zeigen die drei Lebenswege, wie unterschiedlich Menschen in Deutschland im 20. Jahrhundert für den Frieden eingetreten sind.
Ebenfalls aus der Nobelvorlesung vom 11. Dezember 1971.
Friedenspolitik ist eine nüchterne Arbeit.
Häufige Fragen
- Wann und wo lebte Willy Brandt?
- Willy Brandt wurde in Lübeck, Deutschland, geboren und lebte vom 18. Dezember 1913 bis 8. Oktober 1992.
- Wofür erhielt Willy Brandt den Friedensnobelpreis?
- Willy Brandt erhielt den Friedensnobelpreis 1971. Das Nobelkomitee ehrte ihn dafür, den Weg für einen sinnvollen Dialog zwischen Ost und West bereitet zu haben.
- Welche Rolle hatte Willy Brandt?
- Willy Brandt war Regierender Bürgermeister von Berlin und von 1969 bis 1974 Bundeskanzler.
Quellen
Lebensweg
- 1933Flucht vor der nationalsozialistischen Verfolgung nach Norwegen. Herbert Frahm nennt sich fortan Willy Brandt.
- 1957Wahl zum Regierenden Bürgermeister von Berlin. Nach dem Mauerbau 1961 setzt er auf eine „Politik der kleinen Schritte“.
- 1969Bundeskanzler einer Koalition aus SPD und FDP. Die Regierung beginnt ihre „Neue Ostpolitik“.
- 1970Moskauer Vertrag im August, Warschauer Vertrag und Kniefall vor dem Ghetto-Denkmal im Dezember.
- 1971Am 10. Dezember erhält er in Oslo den Friedensnobelpreis.
- 1974Rücktritt als Bundeskanzler nach der Enttarnung des DDR-Spions Günter Guillaume.
- 1989Rede vor dem Schöneberger Rathaus am Tag nach dem Fall der Mauer.
Weitere Porträts
- Gustav Stresemann10. Mai 1878 bis 3. Oktober 1929Der Außenminister der Weimarer Republik, der nach dem Ersten Weltkrieg auf Verhandlungen statt Konfrontation setzte und mit Frankreich den Frieden am Rhein vertraglich sicherte
- Carl von Ossietzky3. Oktober 1889 bis 4. Mai 1938Der Journalist, der die geheime Aufrüstung der Weimarer Republik öffentlich machte, die Flucht ablehnte und den Friedensnobelpreis als Gefangener der Nationalsozialisten erhielt
Vom Vorbild zur eigenen Mission
Keine dieser Personen hat allein gehandelt. Was sie verbindet, ist der Schritt vom Anliegen zur Tat. Dieser Schritt ist auch im Kleinen möglich: in einer Nachbarschaft, einer Schule, einem Verein.
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