Menschen
Carl von Ossietzky
Der Journalist, der die geheime Aufrüstung der Weimarer Republik öffentlich machte, die Flucht ablehnte und den Friedensnobelpreis als Gefangener der Nationalsozialisten erhielt
In Zahlen
1935
Friedensnobelpreis
im November 1936 rückwirkend zuerkannt, als Gefangener
18
Monate Haft
Urteil von 1931 nach einem Artikel über die geheime Aufrüstung
500
Nominierungsbriefe
mehr als 500 in zwei Jahren beim Nobelkomitee
- Lebensdaten
- 3. Oktober 1889 bis 4. Mai 1938
- Herkunft
- Hamburg, Deutschland
- Rolle
- Publizist, Chefredakteur der „Weltbühne“ und Pazifist
- Auszeichnung
- Friedensnobelpreis 1935, verliehen 1936

Wer war Carl von Ossietzky?
Carl von Ossietzky war ein deutscher Journalist und Pazifist, ab 1927 Chefredakteur der Wochenzeitschrift „Die Weltbühne“ und einer der bedeutendsten Publizisten der Weimarer Republik. Er machte öffentlich, dass die Reichswehr entgegen dem Versailler Vertrag heimlich aufrüstete, und wurde dafür 1931 wegen Verrats militärischer Geheimnisse verurteilt. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten wurde er 1933 verhaftet und in Konzentrationslager gebracht. Als Gefangener erhielt er im November 1936 rückwirkend den Friedensnobelpreis für das Jahr 1935.
Geboren wurde er am 3. Oktober 1889 in Hamburg als Sohn eines aus Schlesien zugezogenen Stenografen und einer Geschäftsfrau. Er verließ die Mittelschule ohne Abschluss und arbeitete von 1907 bis 1914 als Hilfsschreiber beim Hamburger Amtsgericht. Schon 1908 trat er der Deutschen Friedensgesellschaft bei, und bald schrieb er für die Zeitschrift „Das freie Volk“. 1914 wurde er wegen eines Artikels, der die Militärgerichtsbarkeit angriff, zu einer Geldstrafe verurteilt.
Im Ersten Weltkrieg diente er von 1916 bis 1918 als Infanterist an der Westfront und nahm an der Schlacht von Verdun teil. Danach schrieb er gegen die Romantisierung und die Fortsetzung des Krieges. 1919 zog er nach Berlin und wurde Generalsekretär der Deutschen Friedensgesellschaft, in der er mit Ludwig Quidde zusammenarbeitete. 1920 gehörte er zu den Mitinitiatoren der Bewegung „Nie wieder Krieg“ und lernte dabei Kurt Tucholsky kennen.
Nach Stationen bei der „Volks-Zeitung“ und der Wochenzeitung „Das Tage-Buch“ übernahm er 1927 die Leitung der „Weltbühne“, für die auch Tucholsky schrieb. In seinen Leitartikeln wandte er sich gegen die Aushöhlung der Verfassung und kritisierte die Parteienpolitik. Nach seiner Verhaftung 1933 kam er in die Konzentrationslager Sonnenburg und Esterwegen, wo er misshandelt wurde und schwer an Tuberkulose erkrankte. Er starb am 4. Mai 1938 in einem Berliner Krankenhaus, bis zuletzt unter Polizeiaufsicht.
Wofür setzte sich Carl von Ossietzky ein?
Er setzte sich für Frieden, Abrüstung und eine Republik ein, die von ihren Bürgern getragen wird. In seiner einzigen eigenständig erschienenen Schrift „Der Anmarsch der neuen Reformation“ betonte er 1919 die Bedeutung eines zivilen und demokratischen Staatsbewusstseins für die junge Weimarer Republik. Nach seinen Erfahrungen an der Westfront trat er jeder Verklärung des Krieges entgegen. Das Nobelkomitee würdigte ihn später als Verteidiger der Meinungsfreiheit und als Symbol des Friedens.
Sein wichtigstes Werkzeug war der Leitartikel. In der „Weltbühne“ wandte er sich gegen die Aushöhlung der Verfassung, kritisierte die Parteienpolitik und warnte vor der Wiederaufrüstung. Wegen dieser Kritik wurde er mehrmals vor Gericht gestellt und verurteilt. Er ließ sich davon nicht einschüchtern und veröffentlichte weiter Texte gegen die heimliche Aufrüstung der Reichswehr.
Die Gefahren der nationalsozialistischen Bewegung erkannte er nach der Darstellung der Universität Oldenburg früh und analysierte sie scharfsinnig. Es gab kaum ein politisches Thema der Republik, das er nicht aufgriff. Anfang 1933 lehnte er es ab, ins Ausland zu fliehen, obwohl ihm die Gefahr bewusst war. Schon beim Haftantritt 1932 hatte er erklärt, ein Oppositioneller, der über die Grenze gegangen sei, spreche bald hohl ins Land herein.
Hinter dieser Haltung stand die Überzeugung, dass Kritik nur wirkt, wenn sie mit dem Land verbunden bleibt, für das und gegen das sie kämpft. In seinem Abschiedsartikel „Rechenschaft“ vom 10. Mai 1932 schrieb er, er gehe ins Gefängnis, weil er als Eingesperrter am unbequemsten sei. Er beuge sich nicht dem Reichsgericht, sondern bleibe als Häftling eine lebendige Demonstration gegen ein Urteil, das er für politisch tendenziös hielt. Willy Brandt fasste 1971 zusammen, er habe mit scharfer Feder gegen Militarismus und Nationalismus gestritten.
Geschrieben 1921, zitiert von Willy Brandt in seiner Nobelvorlesung am 11. Dezember 1971 in Oslo.
Es haben viele Nationen miteinander gekämpft, aber geflossen ist nur einerlei Blut: das Blut der Bürger Europas.
Was erreichte Carl von Ossietzky für den Frieden?
Er machte öffentlich, dass die Reichswehr entgegen den Bestimmungen des Versailler Vertrags heimlich aufrüstete. Nach der Darstellung von NobelPrize.org legte ein Artikel in der „Weltbühne“ offen, wie die deutsche Regierung mit sowjetischer Hilfe eine geheime Luftwaffe aufbaute. In einem aufsehenerregenden Prozess wurde er dafür 1931 zu 18 Monaten Haft verurteilt. Im Mai 1932 trat er die Strafe in Berlin an und kam im Dezember durch eine Weihnachtsamnestie vorzeitig frei.
Seine größte Wirkung entfaltete er als Gefangener. Freunde und Kollegen beschlossen 1934, den Friedensnobelpreis zu nutzen, um ihm zu helfen, und in zwei Jahren erhielt das Nobelkomitee mehr als 500 Briefe, die ihn nominierten. Der junge Willy Brandt, der vor den Nationalsozialisten nach Norwegen geflohen war, gehörte zu den wichtigen Unterstützern der Kampagne und nahm Kontakt zum Nobelkomitee auf. Auch Albert Einstein schrieb an das Komitee und betonte die historische Bedeutung einer solchen Entscheidung.
Im November 1936 erkannte ihm das Nobelkomitee den Preis rückwirkend für 1935 zu. Nach NobelPrize.org ging der Friedensnobelpreis damit zum ersten Mal an einen Menschen, der im Gegensatz zum Regime seines eigenen Landes stand. Die Auszeichnung half, die Öffentlichkeit im Kampf gegen den Nationalsozialismus aufzurütteln. Unter dem internationalen Druck durfte er zur Behandlung das Konzentrationslager verlassen, blieb aber bis zu seinem Tod bewacht.
Die Machthaber versuchten, ihn zur Ablehnung des Preises zu bewegen. Nach der Schilderung Willy Brandts sollte er dafür freikommen, materiell abgesichert und künftig nicht mehr belästigt werden, doch er sagte Nein. Nach Oslo reisen durfte er nicht, und die Preisverleihung fand ohne ihn statt. Hitler verfügte daraufhin, dass kein Deutscher mehr einen Nobelpreis annehmen dürfe.
Welche Kritik gibt es an Carl von Ossietzky?
Zu Lebzeiten wurde er vor allem politisch und juristisch angegriffen. Für das Reichsgericht war die Veröffentlichung über die geheime Aufrüstung Verrat militärischer Geheimnisse, und das Urteil stempelte ihn als Landesverräter ab. Er selbst nannte das eine „höchst diffamierende Etikette“ und hielt das Urteil für politisch tendenziös und juristisch windschief. Im Kern stand ein Konflikt zwischen dem Geheimhaltungsinteresse des Staates und dem Anspruch der Öffentlichkeit, von Vertragsverletzungen zu erfahren.
Auch die Vergabe des Nobelpreises war heftig umstritten. In Norwegen protestierte die politische Rechte gegen seine Kandidatur; Konservative wie der Schriftsteller Knut Hamsun hielten ihn für einen Kriminellen, und rechte Zeitungen fürchteten, die Entscheidung könne Deutschland provozieren. Auch einige Mitglieder der Familie Alfred Nobels kritisierten die Wahl. Schriftsteller wie H. G. Wells und Aldous Huxley stellten sich dagegen auf seine Seite.
Die norwegische Regierung ging sichtbar auf Abstand. Außenminister Halvdan Koht zog sich im Herbst 1936 aus dem Nobelkomitee zurück, um dessen Unabhängigkeit zu unterstreichen, und die Königsfamilie blieb der Verleihung entgegen der Tradition fern. Der Vorsitzende des Komitees, Fredrik Stang, ging bei der Verleihung auf den Einwand ein, Ossietzky sei eher ein Symbol als ein Friedensstifter. Er sei nicht nur ein Symbol, sondern eine Aufgabe und ein Mensch, und allein deshalb habe er den Preis erhalten.
Auch nach 1945 blieb sein Name lange umstritten. Als Studierende nach der Gründung der Universität Oldenburg 1973 vorschlugen, die Hochschule nach ihm zu benennen, fand das innerhalb der Universität große Zustimmung, außerhalb aber nicht. Fast 20 Jahre dauerte es, bis der Niedersächsische Landtag den Weg für den Namen Carl von Ossietzky Universität Oldenburg freimachte. Die Universität verstand den Namen als Ausdruck ihres gesellschaftlichen Engagements.
Aus seinem Abschiedsartikel „Rechenschaft“ in der „Weltbühne“ vom 10. Mai 1932, dem Tag seines Haftantritts.
… ich gehe nicht aus Gründen der Loyalität ins Gefängnis, sondern weil ich als Eingesperrter am unbequemsten bin.
Was bleibt von Carl von Ossietzky?
Von ihm bleibt das Beispiel eines Journalisten, der für die Freiheit des Wortes und gegen die heimliche Aufrüstung seines Landes eintrat und dafür Haft, Misshandlung und Krankheit ertrug. Er zeigt, dass Friedensarbeit nicht nur in Verhandlungen und Verträgen geschieht, sondern auch in öffentlicher Kritik an Militarismus und Nationalismus. Die Auszeichnung von 1936 machte ihn weltweit bekannt und wurde zu einem Zeichen gegen das NS-Regime. Sie zeigt, dass der Friedensnobelpreis auch verfolgte Kritiker ihrer eigenen Regierung sichtbar machen kann.
Willy Brandt, der sich als junger Exilant in Norwegen für ihn eingesetzt hatte, dankte dem Nobelkomitee 1971 in seiner eigenen Nobelvorlesung „im Namen eines freien Deutschland“ für diese Wahl. Er nannte die Ehrung einen moralischen Sieg über die damals herrschenden Mächte der Barbarei. In derselben Rede erinnerte er an Gustav Stresemann, der 1926 als Außenminister der Weimarer Republik den Friedensnobelpreis erhalten hatte. Stresemann verhandelte die Verständigung mit Frankreich im Amt, Ossietzky kritisierte als Journalist von außen, und beide gehören zur Geschichte der Friedensarbeit in der Weimarer Republik.
Heute trägt die Universität Oldenburg seinen Namen. Als Reformhochschule wollte sie die Wissenschaften zum Teil der demokratischen Gesellschaft machen und ihre Arbeit mit gesellschaftlicher Verantwortung verbinden. Die Universität beschreibt ihn als überzeugten Demokraten und Pazifisten, der von den Gegnern der Weimarer Republik besonders gefürchtet war. Damit steht sein Name dort für die Verbindung von Wissenschaft, Demokratie und Frieden.
Sein Lebensweg zeigt auch, welchen Preis Kritik in einer Diktatur haben kann. Er lehnte die Flucht ab, blieb in Deutschland und starb 1938 an den Folgen der Misshandlungen und der Tuberkulose. Einen Satz, den er 1921 schrieb, zitierte Brandt 1971 in Oslo: Viele Nationen hätten miteinander gekämpft, aber geflossen sei nur einerlei Blut, das Blut der Bürger Europas. Brandt sprach dort 35 Jahre nach einer Verleihung, bei der der Preisträger fehlen musste.
Aus demselben Artikel „Rechenschaft“, mit dem er begründete, warum er nicht ins Ausland floh.
Der Oppositionelle, der über die Grenze gegangen ist, spricht bald hohl ins Land herein.
Häufige Fragen
- Wann und wo lebte Carl von Ossietzky?
- Carl von Ossietzky wurde in Hamburg, Deutschland, geboren und lebte vom 3. Oktober 1889 bis 4. Mai 1938.
- Wofür erhielt Carl von Ossietzky den Friedensnobelpreis?
- Carl von Ossietzky erhielt im November 1936 rückwirkend den Friedensnobelpreis für das Jahr 1935. Zu diesem Zeitpunkt war er ein Gefangener der Nationalsozialisten.
- Welche Rolle hatte Carl von Ossietzky?
- Carl von Ossietzky war Publizist, Chefredakteur der „Weltbühne“ und Pazifist.
Quellen
Lebensweg
- 1919Umzug nach Berlin. Er wird Generalsekretär der Deutschen Friedensgesellschaft.
- 1927Chefredakteur der Wochenzeitschrift „Die Weltbühne“, für die auch Kurt Tucholsky schreibt.
- 1931Verurteilung zu 18 Monaten Haft wegen Verrats militärischer Geheimnisse nach einem Artikel über die geheime Rüstung der Reichswehr.
- 1932Haftantritt im Mai, vorzeitige Entlassung im Dezember durch eine Weihnachtsamnestie.
- 1933Verhaftung in der Nacht des Reichstagsbrands, danach Haft in den Konzentrationslagern Sonnenburg und ab 1934 Esterwegen.
- 1936Schwer an Tuberkulose erkrankt, erhält er im November den Friedensnobelpreis für 1935. Nach Oslo reisen darf er nicht.
- 1938Am 4. Mai stirbt er in einem Berliner Krankenhaus, weiter unter Polizeiaufsicht.
Weitere Porträts
- Gustav Stresemann10. Mai 1878 bis 3. Oktober 1929Der Außenminister der Weimarer Republik, der nach dem Ersten Weltkrieg auf Verhandlungen statt Konfrontation setzte und mit Frankreich den Frieden am Rhein vertraglich sicherte
- Willy Brandt18. Dezember 1913 bis 8. Oktober 1992Der Bundeskanzler, der mit Gesprächen, Verträgen und einer stummen Geste in Warschau die Entspannung zwischen Ost und West und die Aussöhnung mit den östlichen Nachbarn suchte
Vom Vorbild zur eigenen Mission
Keine dieser Personen hat allein gehandelt. Was sie verbindet, ist der Schritt vom Anliegen zur Tat. Dieser Schritt ist auch im Kleinen möglich: in einer Nachbarschaft, einer Schule, einem Verein.
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