Menschen
Gustav Stresemann
Der Außenminister der Weimarer Republik, der nach dem Ersten Weltkrieg auf Verhandlungen statt Konfrontation setzte und mit Frankreich den Frieden am Rhein vertraglich sicherte
In Zahlen
1926
Friedensnobelpreis
als erster Deutscher, gemeinsam mit Aristide Briand
1925
Verträge von Locarno
Verzicht auf gewaltsame Änderung der Grenzen im Westen
1923
Reichskanzler
vom 13. August bis 23. November, danach Außenminister bis 1929
- Lebensdaten
- 10. Mai 1878 bis 3. Oktober 1929
- Herkunft
- Berlin, Deutschland
- Rolle
- Reichskanzler 1923, Reichsaußenminister von 1923 bis 1929
- Auszeichnung
- Friedensnobelpreis 1926, gemeinsam mit Aristide Briand

Wer war Gustav Stresemann?
Gustav Stresemann war ein deutscher Politiker der Weimarer Republik, 1923 gut drei Monate lang Reichskanzler und von 1923 bis zu seinem Tod 1929 Außenminister. Er suchte die Verständigung mit Frankreich und brachte 1925 die Verträge von Locarno mit auf den Weg, in denen Deutschland, Frankreich und Belgien auf eine gewaltsame Änderung ihrer gemeinsamen Grenzen verzichteten. Dafür erhielt er 1926 gemeinsam mit dem französischen Außenminister Aristide Briand den Friedensnobelpreis. Er war damit der erste Deutsche, dem der Friedensnobelpreis verliehen wurde.
Geboren wurde er am 10. Mai 1878 in Berlin als Sohn eines Gastwirts. Er studierte in Berlin und Leipzig und schrieb seine Doktorarbeit über den Berliner Flaschenbierhandel. Danach arbeitete er in Dresden für Wirtschaftsverbände, wurde Mitglied der Nationalliberalen Partei und 1907 als damals jüngster Abgeordneter in den Reichstag gewählt. Obwohl er Unternehmer vertrat, befürwortete er, dass Arbeitgeber das Recht der Arbeiter anerkennen, sich zu organisieren und über Tarife zu verhandeln.
Kurz nach dem Ende des Ersten Weltkriegs gründete er 1918 die rechtsliberale Deutsche Volkspartei und wurde ihr Vorsitzender. Mit ihr stand er der Republik anfangs kritisch gegenüber, akzeptierte sie aber nach und nach und warb für eine breite Zusammenarbeit von den Sozialdemokraten bis zu den damals noch gemäßigten Deutschnationalen. 1919 wurde er in die Nationalversammlung gewählt, die in Weimar eine neue Verfassung ausarbeitete. Ab 1920 saß er im neuen Reichstag, zunächst drei Jahre in der Opposition.
Im Krisenjahr 1923 wurde er am 13. August Reichskanzler einer großen Koalition. Seine Regierung beendete den passiven Widerstand gegen die französisch-belgische Besetzung des Ruhrgebiets und leitete die Stabilisierung der Währung ein, die die Hyperinflation beendete. Die Kanzlerschaft endete am 23. November 1923, doch als Außenminister gehörte er den folgenden Regierungen bis zu seinem Lebensende an. Er starb am 3. Oktober 1929 in Berlin an einem Schlaganfall, und Hunderttausende säumten wenige Tage später den Trauerzug.
Wofür setzte sich Gustav Stresemann ein?
Er setzte sich als Außenminister für eine Verständigung mit den Siegermächten des Ersten Weltkriegs ein, vor allem mit Frankreich, um Deutschland aus der außenpolitischen Isolation zu führen. Sein Ziel war eine Revision des Versailler Vertrags, das er mit praktisch allen Politikern der Weimarer Republik teilte. Anders als viele andere wollte er es aber durch Verhandlungen erreichen und nicht durch Konfrontation. Nach der Darstellung der Stresemann-Gesellschaft war er überzeugt, dass sich der vergiftende Hass gegenüber dem Ausland nur in friedlicher Zusammenarbeit mit den Siegern überwinden ließ.
Dieser Weg war für ihn nicht selbstverständlich. Vor und während des Ersten Weltkriegs hatte er eine starke Flotte gefordert und deutsche Annexionen sowie den uneingeschränkten U-Boot-Krieg unterstützt. Erst die Einsicht im Herbst 1918, wie schlecht die militärische Lage tatsächlich war, veränderte nach der Darstellung von NobelPrize.org sein Bild der Welt. Er begann, die Staaten als Teile eines Geflechts politischer und wirtschaftlicher Beziehungen zu sehen, in dem eine Politik der Gewalt und Eroberung am Ende zum Ruin führt.
Ein Grundsatz seiner Außenpolitik war, die Interessen der Gegenseite in die eigenen Überlegungen einzubeziehen. Frankreich wollte aus Sorge um seine Sicherheit Deutschland klein halten, also bot er an, die gemeinsame Grenze vertraglich zu sichern. Mit einer Note vom 9. Februar 1925 ergriff die deutsche Regierung die Initiative für einen Sicherheitspakt, den Großbritannien garantieren sollte. Im Gegenzug hoffte er, dass die Sieger das besetzte Rheinland früher räumen würden als im Versailler Vertrag vorgesehen.
Dazu gehörte die Rückkehr Deutschlands in die internationale Gemeinschaft. Im September 1926 wurde Deutschland in den Völkerbund aufgenommen, der ihm bis dahin versperrt gewesen war. Im selben Jahr schloss er mit dem Berliner Vertrag auch eine Verständigung mit der Sowjetunion. In seiner Nobelvorlesung 1927 nannte er Locarno eine Politik der Verständigung und des freien Willens, die gegenüber der Politik der Vergangenheit die Politik der Zukunft sein solle.
Aus seiner Nobelvorlesung „Das neue Deutschland“, gehalten am 29. Juni 1927 in Oslo.
Die Politik von Locarno ist unvereinbar mit der Politik des Misstrauens, der Gewalt, der Unterdrückung. Sie ist die Politik der Verständigung und des freien Willens.
Was erreichte Gustav Stresemann für den Frieden?
Sein wichtigstes Ergebnis sind die Verträge von Locarno, die am 16. Oktober 1925 abgeschlossen wurden. Deutschland, Frankreich und Belgien verzichteten darin auf eine gewaltsame Veränderung ihrer Grenzen, und Deutschland bestätigte die im Versailler Vertrag festgelegte Westgrenze sowie die Entmilitarisierung des Rheinlands. Großbritannien und Italien übernahmen die Garantie, bei einer Vertragsverletzung der geschädigten Seite zu Hilfe zu kommen. Schiedsverträge mit Frankreich und Belgien sowie mit Polen und der Tschechoslowakei sollten Streitfragen vor eine internationale Kommission bringen.
Die Verträge galten als entscheidender Schritt zur Friedenssicherung in Europa, weil sie das französische Sicherheitsbedürfnis gegenüber Deutschland weitgehend zufriedenstellten. Voraussetzung dafür war nach der Darstellung des Deutschen Historischen Museums die vertrauensvolle Zusammenarbeit zwischen Stresemann und Briand. Beide erhielten für ihre Arbeit 1926 den Friedensnobelpreis. Deutschland überwand damit endgültig seine außenpolitische Isolation.
Auch wirtschaftlich verschaffte seine Politik Deutschland Luft. Mit dem Dawes-Plan von 1924 wurden die Reparationen an der Zahlungsfähigkeit Deutschlands ausgerichtet, und mit dem Young-Plan von 1929 erreichte er eine weitere Neuregelung. Fast zeitgleich wurde beschlossen, das Rheinland bereits 1930 zu räumen, fünf Jahre früher als im Versailler Vertrag vorgesehen. Diese Räumung erlebte er nicht mehr.
1928 wirkte Deutschland entscheidend am Briand-Kellogg-Pakt mit, in dem die beteiligten Staaten den Krieg völkerrechtlich ächteten. Nach der Stresemann-Gesellschaft schlossen sich 63 Staaten an, fast die gesamte damalige Welt. Damit stand der Gewaltverzicht, den Locarno für die Grenzen im Westen Deutschlands festgeschrieben hatte, auf einer viel breiteren Grundlage. Deutschland gewann in diesen Jahren zunehmend internationales Ansehen zurück.
Welche Kritik gibt es an Gustav Stresemann?
Die wichtigste Kritik betrifft die Ostgrenze. In Locarno bestätigte Deutschland nur seine Westgrenze; eine Anerkennung der deutsch-polnischen Grenze kam nicht zustande, und Deutschland behielt sich ausdrücklich eine Revision seiner Ostgrenze offen. Mit Polen und der Tschechoslowakei wurden lediglich Schiedsverträge geschlossen, keine Garantie der Grenzen. Die Verständigung im Westen und der Vorbehalt im Osten gehörten damit zu derselben Politik.
Auch sein Ziel insgesamt war nicht Verzicht, sondern Revision. Die Stresemann-Gesellschaft hält fest, dass seine Verhandlungen auf die Revision des Versailler Vertrags zielten und dass er als Kind seiner Zeit stets nationale Interessen im Auge hatte. Er verband sie allerdings mit der Überzeugung, dass man die Interessen der anderen mitberücksichtigen müsse. Ein Politiker der europäischen Einigung im heutigen Sinne war er nach dieser Darstellung nicht, auch wenn er gegen Ende seines Lebens Ansätze einer solchen Integration als Vision gutgeheißen habe.
Kritisch gesehen wird auch seine Haltung vor 1918. Im Ersten Weltkrieg trat er für einen deutschen Siegfrieden und weitreichende Annexionen ein, und 1916 unterstützte er den uneingeschränkten U-Boot-Krieg. Er half, die Regierung des Reichskanzlers Bethmann Hollweg zu stürzen, die er für zu gemäßigt hielt, und lehnte den Versailler Vertrag ab. Eine eher nostalgische Verbundenheit mit dem Kaiserreich blieb ihm, auch wenn sie seine Politik nach der Darstellung der Stresemann-Gesellschaft nie wesentlich beeinflusste.
Im eigenen Land war seine Politik heftig umstritten. Weil Erfolge nur langsam eintraten, musste er sie in der Öffentlichkeit und in der eigenen Partei stets verteidigen. In seiner Nobelvorlesung sprach er selbst von Misstrauen im Ausland und von Missdeutung im Inneren, die in einer aktiven Politik schwächliche Resignation gesehen und sie als Verzichtspolitik bezeichnet habe. Nach seinem Tod fand die Idee einer engeren Zusammenarbeit in Europa in Deutschland kaum noch Unterstützung.
Aus derselben Nobelvorlesung; Willy Brandt zitierte diesen Satz 1971 in seiner eigenen Nobelvorlesung.
Für mich ist Locarno viel mehr. Es ist einmal der Zustand des dauernden Friedens am Rhein, gewährleistet durch feierlichen Verzicht der beiden grossen Nachbarnationen auf Anwendung von Gewalt, gewährleistet durch die Verpflichtung anderer Staaten, demjenigen ihre Macht zu leihen, der entgegen dieser feierlichen Vereinbarung Opfer der Gewalt wird.
Was bleibt von Gustav Stresemann?
Von ihm bleibt die Erfahrung, dass selbst zwischen früheren Kriegsgegnern Vertrauen durch Verträge, Gewaltverzicht und geduldige Verhandlungen wachsen kann. Die Stresemann-Gesellschaft sieht in seinem Beispiel die Erkenntnis, dass ein Staat nur gedeihen kann, wenn er zur Durchsetzung seiner Ziele auf Verhandlungen statt auf militärische Mittel setzt. Seine Verständigungspolitik gegenüber Frankreich war für ihre Zeit außergewöhnlich. Der Verzicht auf Maximalforderungen führte als Außenpolitik der kleinen Schritte zum Ziel.
Der Frieden von Locarno hatte allerdings keinen Bestand. Im Zuge der Weltwirtschaftskrise traten die nationalen Egoismen wieder stärker hervor, und wenige Jahre nach seinem Tod kamen die Nationalsozialisten an die Macht. Willy Brandt sagte 1971, der Zustand des dauernden Friedens, von dem Stresemann gesprochen hatte, sei von denen umgestoßen worden, die insgeheim auf Gewalt nicht verzichtet hatten. Und doch sei das Werk von Locarno nicht vergeblich gewesen, weil es Bahnen vorgezeichnet habe, auf denen andere nach dem nächsten Krieg gehen konnten.
Die deutsch-französische Aussöhnung nach dem Zweiten Weltkrieg konnte an seine Politik anknüpfen. Die Stresemann-Gesellschaft schreibt, Politiker einer späteren Generation hätten gut zwanzig Jahre nach seinem Tod darauf aufbauen können. Brandt stellte ihn in seiner Nobelvorlesung an den Anfang einer Linie, die über die Westbindung der Bundesrepublik bis zur Ostpolitik reichte. Er würdigte, dass Stresemann gegen Widerstände im In- und Ausland für eine Politik der Verständigung gekämpft habe, und nannte das Zivilcourage.
Mit Carl von Ossietzky erhielt neun Jahre nach ihm ein weiterer Deutscher den Friedensnobelpreis, allerdings als Gefangener der Nationalsozialisten. Ossietzky war kein Minister, sondern Journalist, und stritt nach Brandts Worten mit scharfer Feder gegen Militarismus und Nationalismus. Die beiden Lebenswege zeigen zwei sehr verschiedene Formen, in der Weimarer Republik für den Frieden einzutreten: die Verhandlung im Amt und die Kritik von außen. Brandt erinnerte 1971 in Oslo an beide.
Häufige Fragen
- Wann und wo lebte Gustav Stresemann?
- Gustav Stresemann wurde in Berlin, Deutschland, geboren und lebte vom 10. Mai 1878 bis 3. Oktober 1929.
- Wofür erhielt Gustav Stresemann den Friedensnobelpreis?
- Gustav Stresemann erhielt 1926 gemeinsam mit dem französischen Außenminister Aristide Briand den Friedensnobelpreis. Geehrt wurde ihre Politik der Verständigung, deren wichtigstes Ergebnis die Verträge von Locarno von 1925 sind.
- Welche Rolle hatte Gustav Stresemann?
- Gustav Stresemann war 1923 Reichskanzler und von 1923 bis 1929 Reichsaußenminister.
Quellen
Lebensweg
- 1907Wahl in den Reichstag als damals jüngster Abgeordneter.
- 1918Gründung der rechtsliberalen Deutschen Volkspartei, deren Vorsitz er übernimmt.
- 1923Reichskanzler einer großen Koalition. Seine Regierung beendet den passiven Widerstand im Ruhrgebiet und leitet die Stabilisierung der Währung ein.
- 1925Am 16. Oktober werden die Verträge von Locarno abgeschlossen.
- 1926Aufnahme Deutschlands in den Völkerbund im September. Friedensnobelpreis gemeinsam mit Aristide Briand.
- 1928Deutschland wirkt am Briand-Kellogg-Pakt mit, der den Krieg ächtet.
- 1929Einigung auf den Young-Plan. Am 3. Oktober stirbt er in Berlin an einem Schlaganfall.
Weitere Porträts
- Willy Brandt18. Dezember 1913 bis 8. Oktober 1992Der Bundeskanzler, der mit Gesprächen, Verträgen und einer stummen Geste in Warschau die Entspannung zwischen Ost und West und die Aussöhnung mit den östlichen Nachbarn suchte
- Carl von Ossietzky3. Oktober 1889 bis 4. Mai 1938Der Journalist, der die geheime Aufrüstung der Weimarer Republik öffentlich machte, die Flucht ablehnte und den Friedensnobelpreis als Gefangener der Nationalsozialisten erhielt
Vom Vorbild zur eigenen Mission
Keine dieser Personen hat allein gehandelt. Was sie verbindet, ist der Schritt vom Anliegen zur Tat. Dieser Schritt ist auch im Kleinen möglich: in einer Nachbarschaft, einer Schule, einem Verein.
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