Frieden
Zum ewigen Frieden
Immanuel Kant beschrieb 1795, unter welchen Bedingungen Staaten dauerhaft ohne Krieg leben können, in Form eines Vertrags mit sechs vorbereitenden und drei endgültigen Artikeln
Das Wichtigste in Kürze
- Immanuel Kant veröffentlichte Zum ewigen Frieden 1795 in Königsberg, als philosophischen Entwurf in der Form eines Vertrags zwischen Staaten.
- Sechs Präliminarartikel nennen Verbote zwischen Staaten, drei Definitivartikel beschreiben, worauf ein dauerhafter Frieden gegründet sein soll.
- Frieden ist für Kant kein Naturzustand. Er muss gestiftet werden, durch Recht und durch Verträge.
- Kant schlägt einen Bund freier Staaten vor, der kein Weltstaat sein muss, und ein Besuchsrecht für alle Menschen auf der ganzen Erde.
- Seine Idee eines Völkerbunds wirkte nach Darstellung der Bundeszentrale für politische Bildung bis zur Gründung der Vereinten Nationen nach.
In Zahlen
1795
Erstdruck
in Königsberg bei Friedrich Nicolovius
6
Präliminarartikel
Bedingungen zwischen Staaten
3
Definitivartikel
Staat, Völkerrecht, Weltbürgerrecht
Präliminarartikel
- Anzahl
- sechs
- Inhalt
- Verbote, die zwischen Staaten gelten sollen
- Geltung
- Nr. 1, 5 und 6 sofort, Nr. 2, 3 und 4 dürfen aufgeschoben werden
- Beispiel
- Kein Staat soll sich gewalttätig in die Verfassung eines anderen einmischen.
Definitivartikel
- Anzahl
- drei
- Inhalt
- Grundlagen, auf die ein dauerhafter Frieden gegründet sein soll
- Geltung
- gelten für Staat, Völkerrecht und Weltbürgerrecht zusammen
- Beispiel
- Die bürgerliche Verfassung in jedem Staat soll republikanisch sein.
Staatsrecht
- Ebene
- der einzelne Staat
- Forderung
- eine republikanische Verfassung
- Kernbegriff
- Zustimmung der Bürger, ob Krieg sein soll
Völkerrecht
- Ebene
- die Staaten untereinander
- Forderung
- ein Föderalism freier Staaten
- Kernbegriff
- Friedensbund statt Friedensvertrag
Weltbürgerrecht
- Ebene
- Menschen gegenüber fremden Staaten
- Forderung
- allgemeine Hospitalität
- Kernbegriff
- Besuchsrecht, kein Gastrecht
- Autor
- Immanuel Kant, 1724 bis 1804
- Erstdruck
- Königsberg 1795, Friedrich Nicolovius
- Zweite Auflage
- 1796, vermehrt
- Untertitel
- Ein philosophischer Entwurf
Was steht in Kants Zum ewigen Frieden?
Immanuel Kant veröffentlichte die Schrift 1795 in Königsberg beim Verleger Friedrich Nicolovius, 1796 folgte eine vermehrte zweite Auflage. Der Untertitel lautet Ein philosophischer Entwurf. Kant fragt darin, unter welchen Bedingungen Staaten dauerhaft ohne Krieg miteinander leben können.
Der Text ist wie ein Vertrag zwischen Staaten aufgebaut. Der erste Abschnitt enthält die Präliminarartikel, also vorbereitende Bedingungen. Der zweite Abschnitt enthält drei Definitivartikel, die beschreiben, worauf ein dauerhafter Frieden gegründet sein soll.
Danach folgen zwei Zusätze, einer über die Garantie des Friedens und ein geheimer Artikel, sowie ein Anhang in zwei Teilen über das Verhältnis von Moral und Politik. Die Bundeszentrale für politische Bildung beschreibt die Schrift als grundlegende Regeln für ein friedliches Zusammenleben aller Nationen in Form eines fiktiven Vertrages.
Woher kommt der Titel?
Kant beginnt mit einem ironischen Bild. Die Überschrift, schreibt er, habe auf dem Schild eines holländischen Gastwirts gestanden, auf das ein Kirchhof gemalt war. Gemeint ist der Frieden eines Friedhofs.
Kant lässt offen, wem die Satire gilt: den Menschen überhaupt, den Staatsoberhäuptern, die des Krieges nie satt werden können, oder den Philosophen, die den süßen Traum vom ewigen Frieden träumen.
Damit setzt er den Ton für die ganze Schrift. Er will zeigen, dass ewiger Frieden kein Traum sein muss, sondern sich aus Bedingungen ableiten lässt, die Staaten erfüllen können.
Was sind die Präliminarartikel?
Die sechs Präliminarartikel nennen Verbote, die zwischen Staaten gelten sollen. Der erste besagt, dass kein Friedensschluss gelten soll, der mit dem geheimen Vorbehalt eines künftigen Krieges gemacht wurde. Ein Friedensschluss soll also keinen Stoff für den nächsten Streit zurückhalten.
Zwei Artikel betreffen die Selbstständigkeit der Staaten: Kein für sich bestehender Staat soll durch Erbung, Tausch, Kauf oder Schenkung von einem anderen erworben werden, und kein Staat soll sich gewalttätig in Verfassung und Regierung eines anderen einmischen. Dazu kommt die Forderung, dass stehende Heere mit der Zeit ganz aufhören sollen.
Der vierte Artikel verbietet Staatsschulden, die in Beziehung auf äußere Staatshändel gemacht werden. Der sechste untersagt im Krieg solche Feindseligkeiten, die das wechselseitige Zutrauen in einem künftigen Frieden unmöglich machen. Alle sechs Artikel stehen im Wortlaut im Überblick auf dieser Seite.
Welche drei Definitivartikel nennt Kant?
Die Definitivartikel beschreiben, worauf ein dauerhafter Frieden gegründet sein soll. Sie setzen auf drei Ebenen an: beim einzelnen Staat, beim Verhältnis der Staaten untereinander und beim Verhältnis der Menschen zu fremden Staaten.
Der erste Artikel lautet: Die bürgerliche Verfassung in jedem Staate soll republikanisch sein. Der zweite lautet: Das Völkerrecht soll auf einen Föderalism freier Staaten gegründet sein.
Der dritte Artikel lautet: Das Weltbürgerrecht soll auf Bedingungen der allgemeinen Hospitalität eingeschränkt sein. Zusammen beschreiben die drei Artikel eine Ordnung, die vom einzelnen Staat bis zur ganzen Erde reicht.
Warum soll jede Verfassung republikanisch sein?
Kant begründet den ersten Definitivartikel mit einer einfachen Überlegung. Wenn die Zustimmung der Staatsbürger nötig ist, um zu beschließen, ob Krieg sein soll oder nicht, werden sie sich sehr bedenken, ein so schlimmes Spiel anzufangen, weil sie alle Drangsale des Krieges selbst tragen müssten.
Republikanisch heißt bei Kant nicht dasselbe wie demokratisch. Er versteht unter Republikanismus die Trennung der ausführenden Gewalt von der gesetzgebenden. Despotismus ist für ihn, wenn ein Herrscher Gesetze, die er selbst gegeben hat, eigenmächtig vollzieht.
Die Demokratie im eigentlichen Sinne des Wortes, in der alle über und notfalls gegen Einen beschließen, nennt Kant deshalb notwendig einen Despotismus. Er meint damit eine Ordnung ohne Gewaltenteilung. Jede Regierungsform, die nicht repräsentativ ist, nennt er im selben Abschnitt eigentlich eine Unform.
Was meint Kant mit Völkerbund und Weltbürgerrecht?
Im zweiten Definitivartikel beschreibt Kant einen Bund freier Staaten. Er spricht von einem Völkerbund, der aber kein Völkerstaat sein müsse. Die Staaten sollen sich also verbinden, ohne in einem einzigen Staat aufzugehen.
Kant unterscheidet dabei einen Friedensbund, lateinisch foedus pacificum, von einem Friedensvertrag, lateinisch pactum pacis. Ein Friedensvertrag betrifft nach Kant bloß einen Krieg, der Friedensbund dagegen alle Kriege.
Das Weltbürgerrecht beschränkt Kant auf die allgemeine Hospitalität. Gemeint ist ein Besuchsrecht, das allen Menschen zusteht, sich zur Gesellschaft anzubieten. Kant begründet es mit dem Recht des gemeinschaftlichen Besitzes der Oberfläche der Erde.
Wer garantiert nach Kant den Frieden?
Im Ersten Zusatz fragt Kant, was den ewigen Frieden sichert. Seine Antwort: nichts Geringeres als die große Künstlerin Natur, aus deren Lauf durch die Zwietracht der Menschen Eintracht selbst gegen ihren Willen entstehe.
Einer ihrer Mechanismen ist für Kant der Handel. Es ist der Handelsgeist, schreibt er, der mit dem Kriege nicht zusammen bestehen kann und der sich früher oder später jedes Volkes bemächtigt.
Dass dafür keine besseren Menschen nötig sind, zeigt der bekannteste Satz der Schrift: Das Problem der Staatserrichtung sei selbst für ein Volk von Teufeln lösbar, wenn sie nur Verstand haben. Eine gute Verfassung ordnet gegensätzliche Interessen so, dass sie sich gegenseitig aufhalten.
Welche Wirkung hatte die Schrift?
Das deutsche Wort Völkerbund findet sich nach Angaben der Bundeszentrale für politische Bildung zum ersten Mal in den Schriften Kants. In seinem Entwurf von 1795 fordert er zur Sicherung des Friedens die Errichtung eines Bundes gleichberechtigter Staaten.
Ein Beitrag in Aus Politik und Zeitgeschichte nennt Kants Überlegungen für die Idee des Völkerbunds von zentraler Bedeutung. Auch bei den Vereinten Nationen stand seine Begründung einer internationalen Friedensordnung danach noch Pate, und die Bundeszentrale bezeichnet die Schrift als Inspiration für die Erarbeitung der UN-Charta.
Kant beschreibt keinen Plan, der Frieden von selbst herstellt, sondern Bedingungen, die Staaten und Menschen erfüllen müssten. Wenn du im Kleinen an Frieden arbeiten willst, findest du auf W3ltfrieden Friedensmissionen, die du unterstützen oder selbst starten kannst.
Immanuel Kant, Zweiter Definitivartikel
Dies wäre ein Völkerbund, der aber gleichwohl kein Völkerstaat sein müßte.
Quellen
- zeno.org: Kants Friedensschrift, Volltext
- zeno.org: Erster Abschnitt, Präliminarartikel
- Kant, Akademie-Ausgabe Band VIII, S. 341
- bpb: Idee und System der Vereinten Nationen
- bpb: Das Quiz zu 75 Jahre Vereinte Nationen
- bpb, APuZ: Vom Völkerbund zu den Vereinten Nationen
- zeno.org: Zweiter Abschnitt, Definitivartikel
- zeno.org: Erster Zusatz, Von der Garantie des ewigen Friedens
- zeno.org: Zweiter Zusatz, Geheimer Artikel
- Kant, Akademie-Ausgabe Band VIII, S. 343
- Projekt Gutenberg: Zum ewigen Frieden
Die Artikel im Wortlaut
- Präliminarartikel 1Es soll kein Friedensschluß für einen solchen gelten, der mit dem geheimen Vorbehalt des Stoffs zu einem künftigen Kriege gemacht worden.
- Präliminarartikel 2Es soll kein für sich bestehender Staat (klein oder groß, das gilt hier gleichviel) von einem andern Staate durch Erbung, Tausch, Kauf oder Schenkung erworben werden können.
- Präliminarartikel 3Stehende Heere (miles perpetuus) sollen mit der Zeit ganz aufhören.
- Präliminarartikel 4Es sollen keine Staatsschulden in Beziehung auf äußere Staatshändel gemacht werden.
- Präliminarartikel 5Kein Staat soll sich in die Verfassung und Regierung eines andern Staats gewalttätig einmischen.
- Präliminarartikel 6Es soll sich kein Staat im Kriege mit einem andern solche Feindseligkeiten erlauben, welche das wechselseitige Zutrauen im künftigen Frieden unmöglich machen müssen.
- Definitivartikel 1Die bürgerliche Verfassung in jedem Staate soll republikanisch sein.
- Definitivartikel 2Das Völkerrecht soll auf einen Föderalism freier Staaten gegründet sein.
- Definitivartikel 3Das Weltbürgerrecht soll auf Bedingungen der allgemeinen Hospitalität eingeschränkt sein.
Häufige Fragen zu Kants Zum ewigen Frieden
Was ist die Kernaussage von Kants Friedensschrift?
Frieden ergibt sich nicht von selbst. Kant schreibt, der Friedenszustand unter Menschen, die nebeneinander leben, sei kein Naturstand, sondern vielmehr ein Zustand des Krieges, wenn auch nicht immer mit offenen Feindseligkeiten. Er muss also gestiftet werden.
Gestiftet wird er nach Kant durch Recht: durch eine republikanische Verfassung in jedem Staat, einen Bund freier Staaten und ein Weltbürgerrecht, das allen Menschen ein Besuchsrecht sichert.
Welches berühmte Zitat stammt aus der Schrift?
Häufig zitiert wird der Satz aus dem Ersten Zusatz: Das Problem der Staatserrichtung ist, so hart wie es auch klingt, selbst für ein Volk von Teufeln, wenn sie nur Verstand haben, auflösbar.
Kant meint damit, dass eine gute Verfassung nicht voraussetzt, dass alle Menschen gut sind. Sie muss nur so eingerichtet sein, dass sich gegenläufige Privatinteressen gegenseitig aufhalten. Ebenso bekannt ist sein Satz über den Völkerbund, der aber gleichwohl kein Völkerstaat sein müsse.
Was steht im geheimen Artikel?
Im Zweiten Zusatz fügt Kant einen einzigen geheimen Artikel an. Er lautet: Die Maximen der Philosophen über die Bedingungen der Möglichkeit des öffentlichen Friedens sollen von den zum Kriege gerüsteten Staaten zu Rate gezogen werden.
Warum geheim? Es scheine für die gesetzgebende Autorität eines Staates verkleinerlich, bei Untertanen, den Philosophen, Belehrung zu suchen, schreibt Kant, gleichwohl aber sehr ratsam. Also werde der Staat sie stillschweigend auffordern, frei und öffentlich über die Maximen der Kriegsführung und Friedensstiftung zu sprechen.
Gibt es Zum ewigen Frieden kostenlos online oder als PDF?
Ja. Der vollständige Text ist frei zugänglich, zum Beispiel in der Online-Bibliothek zeno.org, in der digitalisierten Akademie-Ausgabe auf korpora.org, Band VIII ab Seite 341, und bei Projekt Gutenberg.
Die Links zu allen drei Fassungen stehen unten in den Quellen dieser Seite.
Ist Kants Schrift heute noch aktuell?
Die Schrift wird bis heute in Politik und Wissenschaft gelesen. Ein Beitrag in Aus Politik und Zeitgeschichte nennt Kants Überlegungen für die Idee des Völkerbunds von zentraler Bedeutung und verweist auf den Historiker Georg Kreis, nach dem Kants Begründung einer internationalen Friedensordnung auch bei den Vereinten Nationen noch Pate stand.
Viele Fragen der Schrift stellen sich weiter: wie Staaten ihre Konflikte durch Recht statt durch Gewalt regeln, wie sie zusammenarbeiten, ohne ihre Selbstständigkeit aufzugeben, und wie Fremde behandelt werden.
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