Frieden
Friedensethik
Wann darf Gewalt sein, und was macht Frieden gerecht? Ein Überblick über Positionen von Augustinus bis zu den Kirchen der Gegenwart
Das Wichtigste in Kürze
- Friedensethik fragt, wie Frieden begründet, geschützt und gefördert werden kann und ob Gewalt je gerechtfertigt sein kann.
- Die ältere Lehre vom gerechten Krieg nennt Bedingungen, unter denen ein Krieg erlaubt sein soll, etwa eine legitime Autorität und einen gerechten Grund.
- Die Kirchen in Deutschland orientieren sich heute am Leitbild des gerechten Friedens, mit Vorrang für Prävention und zivile Konfliktbearbeitung.
- Gewalt gilt darin höchstens als äußerstes Mittel, gebunden an strenge Prüfkriterien.
- Die neue EKD-Denkschrift von 2025 hält am gerechten Frieden fest, stellt aber den Schutz vor Gewalt stärker in den Vordergrund.
In Zahlen
2000
Gerechter Friede
Wort der deutschen Bischöfe, 27. September
2007
EKD-Denkschrift
Aus Gottes Frieden leben, für gerechten Frieden sorgen
2025
EKD-Denkschrift
Welt in Unordnung, Gerechter Friede im Blick
Lehre vom gerechten Krieg
- Leitfrage
- Wann ist ein Krieg erlaubt?
- Herkunft
- Augustinus, zusammengefasst von Thomas von Aquin
- Kern
- legitime Autorität, gerechter Grund, rechte Absicht, später das letzte Mittel
- Gewalt
- unter diesen Bedingungen gerechtfertigt
Leitbild des gerechten Friedens
- Leitfrage
- Was braucht ein dauerhafter Frieden?
- Herkunft
- Begriff schon bei Augustinus, ausgearbeitet erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts
- Kern
- Schutz vor Gewalt, Förderung der Freiheit, Abbau von Not, Anerkennung kultureller Verschiedenheit
- Gewalt
- höchstens als äußerstes Mittel, an Prüfkriterien gebunden
Bischöfe 2000
- Titel
- Gerechter Friede
- Schwerpunkt
- gewaltvermeidende Konfliktbearbeitung als vorrangige Verpflichtung
- Leitsatz
- Vorbeugende Politik ist besser als nachträgliche Schadensbegrenzung.
EKD 2007
- Titel
- Aus Gottes Frieden leben, für gerechten Frieden sorgen
- Schwerpunkt
- Vorrang der zivilen Konfliktbearbeitung, sieben Prüfkriterien für Gewalt
- Leitsatz
- Wer den Frieden will, muss den Frieden vorbereiten.
EKD 2025
- Titel
- Welt in Unordnung, Gerechter Friede im Blick
- Schwerpunkt
- Schutz vor Gewalt und staatliche Schutzpflichten rücken in den Vordergrund
- Leitsatz
- Friedenstauglichkeit statt Kriegstauglichkeit
- Klassische Kriterien
- legitime Autorität, gerechter Grund, rechte Absicht
- Später ergänzt
- ultima ratio, das letzte Mittel
- Leitbild heute
- gerechter Frieden
- Kirchliche Texte
- Bischofskonferenz 2000, EKD 2007 und 2025
Was ist Friedensethik?
Friedensethik fragt, wie Frieden begründet, geschützt und gefördert werden kann und unter welchen Bedingungen Gewalt überhaupt gerechtfertigt sein könnte. In Deutschland haben die Kirchen ihre Positionen dazu in Denkschriften und Bischofsworten festgehalten.
Zwei Denkfiguren prägen die Debatte. Die erste ist die Lehre vom gerechten Krieg, die Bedingungen nennt, unter denen ein Krieg erlaubt sein soll. Die zweite ist das Leitbild des gerechten Friedens, an dem sich die katholische und die evangelische Kirche in Deutschland heute orientieren.
Die Professur für Angewandte Ethik der Universität Jena beschreibt die Aufgabe so: Friedensethik versteht Friedenssicherung als zentrale Aufgabe ethischer Reflexion, und Friedenssicherung bedeutet nicht nur die Abwesenheit von Krieg, sondern die Sicherung der Voraussetzungen eines guten Lebens zwischen Staaten und zwischen Gruppen innerhalb von Staaten. Diese Seite beschreibt die Positionen so, wie sie in den Quellen stehen. Sie bewertet sie nicht und bezieht sie nicht auf einzelne Konflikte der Gegenwart.
Was ist die Lehre vom gerechten Krieg?
Die Überlegungen zum gerechten Krieg brachte Augustinus, der von 354 bis 430 lebte, in das christliche Denken. Er nannte unter anderem diese Bedingungen: Ein Krieg müsse von Gott oder einer rechtmäßigen Autorität angeordnet sein, dem Gemeinwohl und keinen partikulären Interessen dienen und auf den äußersten Fall beschränkt bleiben.
Thomas von Aquin, der von 1225 bis 1274 lebte, fasste die Lehre in seiner Summa Theologica zu drei Kriterien zusammen. Ein Krieg bedarf danach einer legitimen Autorität, legitima auctoritas, eines gerechten Grundes, causa iusta, und einer guten Absicht, recta intentio.
Später kam das Kriterium des letzten Mittels hinzu, die ultima ratio: Der Krieg muss unvermeidlich sein, alle anderen Möglichkeiten müssen ausgeschöpft sein. Weitere Kriterien wie Verhältnismäßigkeit und Erfolgsaussicht werden in der Tradition ebenfalls genannt, ihre Herkunft ordnen die Quellen unterschiedlich zu.
Was bedeutet gerechter Frieden?
Der Begriff ist alt. Wolfgang Huber wies 2004 in einem Vortrag darauf hin, dass ausgerechnet Augustinus, der theologische Begründer der Lehre vom gerechten Krieg, auch den Begriff des gerechten Friedens geprägt hat, lateinisch iusta pax.
Die EKD-Denkschrift von 2007 richtet alle friedenspolitischen Überlegungen an der Leitidee des gerechten Friedens aus. Sie hebt durchgängig die Prävention hervor und erkennt gewaltfreien Methoden der Konfliktbearbeitung den Vorrang zu.
Daraus folgt nach der Denkschrift, dass die Lehre vom bellum iustum, dem gerechten Krieg, im Rahmen dieses Leitbilds keinen Platz mehr hat, weil das moderne Völkerrecht das Konzept des gerechten Kriegs aufgehoben hat. Die moralischen Prüfkriterien sollen damit aber nicht aufgegeben werden.
Welche Dimensionen hat dieses Leitbild?
Die EKD-Denkschrift von 2007 versteht Frieden nicht als Zustand, weder als bloße Abwesenheit von Krieg noch als Stillstellung aller Konflikte, sondern als gesellschaftlichen Prozess abnehmender Gewalt und zunehmender Gerechtigkeit.
Sie nennt vier Grundelemente. Erstens Vermeidung von und Schutz vor Gewalt. Zweitens die Förderung der Freiheit, denn ein gerechter Friede umfasst nicht nur das Überleben, sondern ein Leben in Würde. Drittens den Abbau von Not, weil die Konkurrenz um knappe Ressourcen eine der wichtigsten Ursachen kriegerischer Konflikte ist. Viertens die Anerkennung kultureller Verschiedenheit.
Die Denkschrift von 2025 greift diese Elemente auf. Das Leitbild baut danach auf den Schutz vor Gewalt, die Förderung von Freiheit, den Abbau von Ungleichheiten und den Umgang mit friedensfördernder Pluralität, und es verbindet die Hoffnung auf Frieden mit der Notwendigkeit einer gerechten Ordnung.
Was sagen die Kirchen heute?
Die deutschen Bischöfe veröffentlichten am 27. September 2000 das Wort Gerechter Friede. Die Bischofskonferenz bezeichnet es als Grundlagendokument der katholischen Friedensethik in Deutschland, als Nachfolger des Schreibens Gerechtigkeit schafft Frieden von 1983. Darin nennen die Bischöfe die gewaltvermeidende und gewaltvermindernde Konfliktbearbeitung eine vorrangige Verpflichtung.
Die Evangelische Kirche in Deutschland legte im Oktober 2007 die Denkschrift Aus Gottes Frieden leben, für gerechten Frieden sorgen vor. Sie beschreibt eine Rechtsordnung, die dem Vorrang ziviler Konfliktbearbeitung verpflichtet ist und die Anwendung von Zwangsmitteln an strenge ethische und völkerrechtliche Kriterien bindet.
Im November 2025 stellte der Rat der EKD auf der Synode in Dresden die Denkschrift Welt in Unordnung, Gerechter Friede im Blick vor. Frieden wird darin als Prozess verstanden, in dem Gewalt abnimmt und Gerechtigkeit zunimmt, und dem Schutz vor Gewalt kommt eine zentrale Bedeutung zu. Pazifistische Traditionen werden gewürdigt, die Anerkennung staatlicher Schutzpflichten rückt nach Darstellung der EKD jedoch in den Vordergrund.
Was ist neu an der Denkschrift von 2025?
Nach der Zusammenfassung der EKD hält die Denkschrift an der Vision eines gerechten Friedens fest, ohne die Realität von Gewalt und Bedrohung zu leugnen. Sie distanziert sich aber von früheren Positionen, die den Dienst ohne Waffe als deutlicheres Zeichen christlichen Friedenshandelns ansahen.
Gegengewalt zur Verteidigung muss nach der Denkschrift immer sehr strengen Regeln folgen. Sie dient dem Recht, nicht der Rache, und verfolgt das Ziel, Gewalt zu beenden. Wo Gewalt unvermeidbar wird, spricht der Text von einer Schuldverstrickung, der niemand ganz entkommt.
Den Begriff Kriegstauglichkeit lehnt die Denkschrift ab und spricht stattdessen von Friedenstauglichkeit. Ihre eigene Rolle beschreibt die EKD so: Es sei nicht ihre Aufgabe, politische Entscheidungen zu treffen, sie wolle das öffentliche Ringen um Orientierung mit theologischer Stimme begleiten.
Welche Kriterien gelten für Gewalt als äußerstes Mittel?
Auch die EKD-Denkschrift von 2007, die den gerechten Frieden zum Leitbild macht, hält an moralischen Prüfkriterien für den Gebrauch von Gewalt fest. Sie spricht dabei von einer Ethik rechtserhaltender Gewalt.
Die Denkschrift nennt sieben Kriterien: Erlaubnisgrund, Autorisierung, richtige Absicht, äußerstes Mittel, Verhältnismäßigkeit der Folgen, Verhältnismäßigkeit der Mittel und das Unterscheidungsprinzip, nach dem Personen, die an der Gewalt nicht direkt beteiligt sind, zu schonen sind. Beim äußersten Mittel heißt es: Der Gewaltgebrauch muss als äußerstes Mittel erforderlich sein, das heißt, alle wirksamen milderen Mittel der Konfliktregelung sind auszuloten. Der Gedanke knüpft an die ultima ratio der älteren Lehre an.
In der Denkschrift stehen diese Kriterien neben dem Vorrang von Prävention und ziviler Konfliktbearbeitung. Ihr Leitsatz lautet: Wer den Frieden will, muss den Frieden vorbereiten. Auf W3ltfrieden kannst du Friedensmissionen finden oder selbst eine starten.
EKD-Denkschrift Aus Gottes Frieden leben, für gerechten Frieden sorgen, 2007
Wer den Frieden will, muss den Frieden vorbereiten.
Quellen
- EKD: Friedensdenkschrift 2007
- EKD: Friedensdenkschrift 2007, Volltext (PDF)
- Die deutschen Bischöfe: Gerechter Friede (PDF)
- Deutsche Bischofskonferenz: Gerechter Friede
- katholisch.de: Die Kirche und der Krieg
- EKD: Vortrag von Wolfgang Huber, 2004
- EKD: Friedensdenkschrift 2025, Zusammenfassung
- EKD: Friedensdenkschrift 2025
- EKD: Friedensethik in der Bewährung
- Universität Jena, Professur für Angewandte Ethik: Friedensethik
- katholisch.de: Ökumenische Friedensschrift, 2026
- bpb: Themenblätter im Unterricht Nr. 101, Frieden und Sicherheit (PDF)
- Evangelische Kirche im Rheinland: Friedensbildung
Stationen der Debatte
- Augustinus354 bis 430, bringt den gerechten Krieg in das christliche Denken und prägt auch den Begriff des gerechten Friedens
- Thomas von Aquin1225 bis 1274, Drei-Kriterien-Lehre in der Summa Theologica
- Bischofskonferenz 2000Gerechter Friede, 27. September 2000, Vorrang für gewaltpräventive Konfliktbearbeitung
- EKD 2007Aus Gottes Frieden leben, für gerechten Frieden sorgen, Leitidee des gerechten Friedens
- EKD 2025Welt in Unordnung, Gerechter Friede im Blick, vorgestellt auf der Synode in Dresden
Häufige Fragen zur Friedensethik
Wie heißt die neue Friedensdenkschrift der EKD?
Sie heißt Welt in Unordnung, Gerechter Friede im Blick, mit dem Untertitel Evangelische Friedensethik angesichts neuer Herausforderungen. Die Evangelische Kirche in Deutschland hat sie im November 2025 veröffentlicht, sie ist in der Evangelischen Verlagsanstalt in Leipzig erschienen.
Die EKD bietet die Denkschrift auf ihrer Website als kostenlosen Download an. Eine Zusammenfassung der wichtigsten Aussagen steht ebenfalls dort.
Was ist christliche Friedensethik?
Christliche Friedensethik begründet ihre Positionen aus biblischen und theologischen Quellen. Wolfgang Huber verweist auf Stellen wie Psalm 85,11 und Jesaja 32,17, an die Augustinus mit dem Begriff des gerechten Friedens Gottes angeknüpft hat.
Die Denkschrift der EKD von 1981 formulierte den Grundsatz so: In der Zielrichtung christlicher Ethik liegt nur der Frieden, nicht der Krieg. Ein Vortrag im Archiv der EKD nennt den gerechten Frieden deshalb den Leitbegriff christlicher Friedensethik.
Was sagt die katholische Kirche zur Friedensethik?
Grundlegend ist das Wort Gerechter Friede der deutschen Bischöfe vom 27. September 2000. Darin heißt es, äußerste Anstrengungen, Gewalt zu vermeiden, seien nicht bloß empfohlen, sondern im strikten Sinne verpflichtend. Unter allen Umständen gelte der Grundsatz: Vorbeugende Politik ist besser als nachträgliche Schadensbegrenzung.
Die Bischöfe sehen Gewalt auch dort, wo kein Krieg herrscht: Verhältnisse fortdauernder schwerer Ungerechtigkeit seien in sich gewaltgeladen. 2024 folgte das Friedenswort Friede diesem Haus, das militärische Gegengewalt nach katholisch.de als Ultima Ratio für gerechtfertigt hält, wenn Menschen massiv bedroht sind.
Was fordert die ökumenische Friedensschrift von 2026?
Im Juni 2026 wurde die ökumenische Friedensschrift Wer Frieden will, muss mit dem Feind reden online vorgestellt. Verfasst haben sie Ralf Becker, Karen Hinrichs, Heinrich Schäfer und Theodor Ziegler.
Nach katholisch.de bezeichnen die Autoren es als Mythos, dass Frieden durch militärische Gewalt und Drohung zu erreichen sei, und fordern, das Völkerrecht zu stärken. Damit unterscheidet sich ihr Ansatz von der EKD-Denkschrift 2025 und vom Friedenswort der Bischöfe von 2024, die militärische Gegengewalt als letztes Mittel für möglich halten.
Gibt es Unterrichtsmaterial zur Friedensethik?
Ja. Die Bundeszentrale für politische Bildung bietet in ihrer Reihe Themenblätter im Unterricht die Ausgabe Nr. 101 Frieden und Sicherheit an, kostenlos als PDF. Die Evangelische Kirche im Rheinland hat eine Themenseite zur EKD-Friedensdenkschrift für die Friedensbildung eingerichtet.
Für den Einstieg eignen sich auch die Originaltexte selbst: Die Denkschriften der EKD und das Wort der deutschen Bischöfe stehen frei zum Download bereit. Die Links stehen unten in den Quellen dieser Seite.
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