Frieden
Frieden schaffen
Frieden entsteht nicht von selbst. Er wird verhandelt, vermittelt und Tag für Tag gepflegt, von Regierungen ebenso wie von Menschen in ihrer Nachbarschaft
Das Wichtigste in Kürze
- Frieden schaffen heißt, Gewalt zu verhindern, Konflikte ohne Gewalt zu bearbeiten und nach Kämpfen Vertrauen und Institutionen wieder aufzubauen.
- Dafür braucht es mehrere Ebenen zugleich: Regierungen, gesellschaftliche Führungspersönlichkeiten, die Zivilgesellschaft und jeden Einzelnen im eigenen Umfeld.
- Der Friedensforscher Dieter Senghaas nennt sechs Bedingungen für dauerhaften Frieden in einer Gesellschaft, vom Gewaltmonopol des Staates bis zu einer konstruktiven Konfliktkultur.
- Nach dem Ende von Kämpfen begleiten die Vereinten Nationen Länder seit 2005 mit einer eigenen Kommission für Friedenskonsolidierung.
In Zahlen
1980
Frieden schaffen ohne Waffen
Leitmotiv der ersten Friedensdekade
1998
Plattform Zivile Konfliktbearbeitung
gegründet als Netzwerk
2017
Leitlinien der Bundesregierung
Krisen verhindern, Konflikte bewältigen, Frieden fördern
Wer dort handelt
- Track 1
- politische und militärische Führung eines Landes
- Track 1,5
- einflussreiche Vertreter aus Politik und Gesellschaft
- Track 2
- religiöse Würdenträger, Intellektuelle, regionale Machtfiguren
- Track 3
- zivilgesellschaftliche Führungspersönlichkeiten
Wie gesprochen wird
- Track 1
- offizielle Verhandlungen
- Track 1,5
- informell und nicht öffentlich, oft zur Vorbereitung
- Track 2
- Dialog zwischen gesellschaftlichen Führungspersönlichkeiten
- Track 3
- Dialog und Begegnung vor Ort
- Deutschland237 Mio.
- Niederlande171 Mio.
- Schweden118 Mio.
- Kanada87 Mio.
- Norwegen72 Mio.
- Dänemark62 Mio.
- Grundgedanke
- zivile Konfliktbearbeitung vor Ort
- Politischer Rahmen
- Leitlinien der Bundesregierung von 2017
- Losung
- Frieden schaffen ohne Waffen, ab 1980
- Ebenen
- persönlich, gesellschaftlich, staatlich, international
Wie kann man Frieden schaffen?
Frieden entsteht auf mehreren Ebenen zugleich. Zwischen Staaten wird er durch Diplomatie, Verträge und Vermittlung geschaffen, innerhalb von Gesellschaften durch Institutionen, denen Menschen vertrauen, und im Kleinen durch Menschen, die Streit anders austragen als mit Gewalt.
Die Friedensforschung spricht von ziviler Konfliktbearbeitung. Gemeint ist eine Arbeit, die in erster Linie an der Basis einer Gesellschaft stattfindet: Menschen analysieren Konflikte, bringen Beteiligte zusammen, entwickeln gewaltfreie Lösungen und beugen Gewalt vor.
Keine dieser Ebenen genügt für sich allein. Ein Friedensvertrag hält schlechter, wenn die Menschen, die ihn tragen sollen, einander weiter misstrauen, und ein gutes Miteinander vor Ort schützt wenig, wenn Staaten aufeinander schießen.
Woher stammt die Losung Frieden schaffen ohne Waffen?
Die Losung wurde zum Leitmotiv der ersten Friedensdekade der evangelischen Kirchen in der DDR, die vom 9. bis 19. November 1980 stattfand. Seitdem organisierte der Bund der Evangelischen Kirchen die Friedensdekade jedes Jahr im November, mit Gottesdiensten und Veranstaltungen.
Am 25. Januar 1982 griffen Robert Havemann und Rainer Eppelmann die Worte im Berliner Appell auf, der den Titel Frieden schaffen ohne Waffen trug. Auch in der westdeutschen Friedensbewegung der achtziger Jahre wurde die Losung bekannt.
Über die Losung wird bis heute gestritten. Die einen sehen in ihr ein Ziel, an dem sich Politik messen lassen muss, andere halten sie für unvereinbar mit der Pflicht, sich zu verteidigen. Diese Seite beschreibt ihre Herkunft und nimmt in diesem Streit keine Position ein.
Was ist zivile Konfliktbearbeitung?
Zivile Konfliktbearbeitung umfasst alle Wege, Konflikte ohne Gewalt zu bearbeiten. Dazu gehören Dialogprogramme zwischen verfeindeten Gruppen, Vermittlung bei lokalen Streitigkeiten, Begleitung von Menschen, die bedroht sind, Friedensbildung und die Aufarbeitung vergangener Gewalt.
In Deutschland verbindet die Plattform Zivile Konfliktbearbeitung seit 1998 die Organisationen, die auf diesem Feld arbeiten. Der Zivile Friedensdienst entsendet seit 1999 Fachkräfte, die mit Partnern vor Ort an solchen Projekten arbeiten.
Das Besondere an diesem Ansatz ist, dass die Lösung nicht von außen kommt. Fachkräfte und Vermittelnde helfen dabei, dass die Beteiligten selbst eine Lösung finden, die sie dann auch tragen.
Was tut die Bundesregierung?
Die Bundesregierung hat 2017 unter Federführung des Auswärtigen Amts die Leitlinien Krisen verhindern, Konflikte bewältigen, Frieden fördern veröffentlicht. Sie lösen den Aktionsplan Zivile Krisenprävention, Konfliktlösung und Friedenskonsolidierung aus dem Jahr 2004 ab.
Die Leitlinien erneuern das Bekenntnis zu einem politischen Gesamtansatz, mit dem Deutschland Frieden gestalten will. Ihr Titel nennt die drei Aufgaben: Krisen verhindern, bevor sie gewaltsam werden, Konflikte bewältigen, wenn sie da sind, und Frieden fördern, wenn die Gewalt endet.
Wie gut das gelingt, wird in der Forschung diskutiert. Das Leibniz-Institut für Friedens- und Konfliktforschung schrieb bei der Veröffentlichung, es gebe viel zu tun. Für die Leitlinien gilt wie für jeden Plan: Entscheidend ist, was in der Praxis daraus folgt.
Was kannst du selbst für den Frieden tun?
Frieden schaffen beginnt im eigenen Umfeld. Eine Methode wie die Gewaltfreie Kommunikation hilft, Konflikte anzusprechen, ohne das Gegenüber anzugreifen. Mediation hilft, wenn zwei Seiten allein nicht mehr weiterkommen.
Wer mehr tun will, kann sich ehrenamtlich engagieren: als Streitschlichter an einer Schule, in einem Begegnungsprojekt, in einer Friedensinitiative oder in der Arbeit mit Geflüchteten. Viele der Organisationen, die auf der Seite über Friedensorganisationen stehen, suchen Unterstützung.
Auf W3ltfrieden kannst du eine Friedensmission starten oder eine bestehende unterstützen. Kein Bot entscheidet dabei für dich: Der Friedensmissions Bot stellt dir fünf Fragen und schlägt vor, die Entscheidung triffst du.
Welche Bedingungen braucht dauerhafter Frieden?
Der Bremer Friedensforscher Dieter Senghaas hat über viele Jahre untersucht, wie Frieden zwischen den westlichen Gesellschaften historisch entstanden ist. Aus seinen Ergebnissen hat er ein Modell entwickelt, das als zivilisatorisches Hexagon bekannt ist, also als Sechseck. Es beschreibt sechs Bausteine für eine stabile, friedliche Gesellschaft.
Die sechs Bausteine sind: Das Monopol auf Gewalt liegt beim Staat und nicht bei Stammesführern oder Kriegsherren. Staatliches Handeln ist an Recht und Gesetz gebunden. Menschen sind wechselseitig voneinander abhängig und können spontane Gefühlsregungen kontrollieren. Sie können politisch und gesellschaftlich mitreden. Es herrscht soziale Gerechtigkeit. Und das Gemeinwesen beruht auf einer Kultur des konstruktiven Umgangs mit Konflikten.
Senghaas warnt davor, das Modell auf einzelne Werte zu verkürzen. Die Bausteine gehören zusammen: Ein Gewaltmonopol ohne Bindung an das Recht schützt die Menschen nicht vor dem Staat selbst, und Mitsprache verliert an Vertrauen, wenn sich viele ungerecht behandelt fühlen. Nach der Bundeszentrale für politische Bildung gewinnt das Hexagon gerade in der politischen Bildung an Bedeutung, viele Schulbücher für Sozialkunde und Ethik arbeiten damit.
Wer vermittelt zwischen Konfliktparteien?
Friedensprozesse finden nach einer Übersicht des Auswärtigen Amts auf verschiedenen gesellschaftlichen Ebenen statt, die in der Fachsprache Tracks heißen. Track 1 ist die politische und militärische Führung eines Landes. Auf Track 2 stehen gesellschaftliche Führungspersönlichkeiten wie religiöse Würdenträger, Intellektuelle oder regionale Machtfiguren, auf Track 3 vor allem Menschen, die in der Zivilgesellschaft Verantwortung tragen.
In der Praxis hat sich eine Zwischenebene bewährt, Track 1,5. Dort treffen sich einflussreiche Vertreter politischer und gesellschaftlicher Instanzen informell und nicht öffentlich. Solche Gespräche bereiten oft offizielle Verhandlungen vor, arbeiten Optionen aus und helfen den Konfliktparteien, einander besser zu verstehen.
Wer von außen hilft, kann sehr unterschiedlich auftreten: mit guten Diensten, also dem Bereitstellen von Ort und Kontakt, mit Pendeldiplomatie zwischen den Seiten, mit Dialogbegleitung oder mit Vermittlung im engeren Sinn. Das Auswärtige Amt bündelt diese Arbeit seit März 2015 in einer Abteilung für Krisenprävention, Stabilisierung und Konfliktnachsorge. Nach seiner Darstellung braucht ein nachhaltiger Friedensprozess das Zusammenspiel aller Ebenen.
Was geschieht, wenn die Kämpfe enden?
Ein Waffenstillstand beendet die Kämpfe, aber noch nicht ihre Ursachen. Die Zeit danach heißt in der Fachsprache Friedenskonsolidierung, englisch Peacebuilding. Gemeint ist der Wiederaufbau von Institutionen, denen Menschen vertrauen, die Rückkehr ehemaliger Kämpfer in ein ziviles Leben und die Aufarbeitung dessen, was geschehen ist.
Die Vereinten Nationen haben dafür am 20. Dezember 2005 eine eigene Kommission für Friedenskonsolidierung geschaffen, durch Resolutionen der Generalversammlung und des Sicherheitsrats. Ihr Auftrag ist, alle Beteiligten zusammenzubringen, Strategien für den Wiederaufbau nach Konflikten vorzuschlagen und dafür zu sorgen, dass die internationale Aufmerksamkeit länger anhält als die Schlagzeilen.
Daneben verwaltet ein Büro der Vereinten Nationen im Auftrag des Generalsekretärs den Fonds für Friedenskonsolidierung, den Peacebuilding Fund. Er finanziert gemeinsame Vorhaben der UN mit Regierungen, Verwaltungen und zivilgesellschaftlichen Organisationen. Deutschland hat von 2020 bis 2026 nach Angaben der UN die höchsten Zusagen aller Geber gemacht, rund 237 Millionen US-Dollar.
Ziviler Friedensdienst über zivile Konfliktbearbeitung
Hier analysieren Menschen Konflikte, bringen Beteiligte zusammen, entwickeln gewaltfreie Lösungen und beugen Gewalt vor.
Quellen
- bpb, APuZ: Friedensbewegung in der DDR
- jugendopposition.de: Friedensdekade
- jugendopposition.de: Die Friedensbewegung in der DDR
- Ziviler Friedensdienst: Zivile Konfliktbearbeitung
- Plattform Zivile Konfliktbearbeitung
- Auswärtiges Amt: Leitlinien Krisen verhindern, Konflikte bewältigen, Frieden fördern
- PRIF Blog: Viel zu tun, die neuen Leitlinien der Bundesregierung
- bpb: Frieden (Lernen, Politische Bildung)
- bpb, APuZ: Dieter Senghaas, Die Kultur des Friedens
- Auswärtiges Amt: Grundlagen der Mediation, Konzepte und Definitionen (PDF)
- Vereinte Nationen: Mandat der Kommission für Friedenskonsolidierung
- Vereinte Nationen: Peacebuilding Fund
- Vereinte Nationen: Laufende Friedensmissionen
- Lutherbibel 1912: Micha 4
- Lutherbibel 1912: Jesaja 2
- Lutherbibel 1912: Matthäus 5
- Hoffnung für alle: Matthäus 5,9
- Vereinte Nationen: Skulptur Let Us Beat Swords Into Ploughshares
Vier Ebenen des Friedens
- PersönlichStreit ansprechen, ohne anzugreifen, etwa mit Gewaltfreier Kommunikation oder Mediation.
- GemeinschaftSchulen, Vereine und Nachbarschaften, in denen Konflikte ein Verfahren haben, etwa durch Streitschlichtung.
- GesellschaftInstitutionen, denen Menschen vertrauen, und zivile Konfliktbearbeitung zwischen Gruppen.
- InternationalDiplomatie, Verträge, Vermittlung und Programme wie der Zivile Friedensdienst.
Häufige Fragen kurz beantwortet
Steht Frieden schaffen ohne Waffen in der Bibel?
Nicht wörtlich. Die Losung wurde 1980 als Leitmotiv der ersten Friedensdekade in der DDR bekannt. Sie knüpft aber an biblische Bilder an, vor allem an die Propheten Jesaja und Micha, bei denen Waffen zu Werkzeugen für den Ackerbau umgeschmiedet werden.
In der Bergpredigt sagt Jesus nach Matthäus 5,9: „Selig sind die Friedfertigen; denn sie werden Gottes Kinder heißen.“ Gemeint sind Menschen, die Frieden stiften, nicht nur solche, die ihn halten. Die Übersetzung Hoffnung für alle schreibt deshalb: „Glücklich sind, die Frieden stiften“.
Was bedeutet Schwerter zu Pflugscharen?
Das Bild stammt aus der Bibel. Beim Propheten Micha heißt es in der Lutherübersetzung von 1912: „Sie werden ihre Schwerter zu Pflugscharen und ihre Spieße zu Sicheln machen.“ Fast gleich lautet eine Stelle bei Jesaja. Gemeint ist eine Zeit, in der niemand mehr Waffen braucht und sie zu Werkzeugen für den Ackerbau umgeschmiedet werden.
Am 4. Dezember 1959 schenkte die Sowjetunion den Vereinten Nationen eine Bronzeskulptur von Jewgeni Wutschetitsch, die einen Mann zeigt, der ein Schwert zur Pflugschar schmiedet. Sie steht am Hauptsitz der UN in New York. Wie das Motiv in der DDR zum Zeichen der Kirchen wurde, steht auf der Seite über die Friedensbewegung.
Was tun die Vereinten Nationen für den Frieden?
Die Vereinten Nationen arbeiten auf mehreren Wegen. Der Sicherheitsrat kann Friedensmissionen beschließen, in denen Soldaten, Polizei und zivile Fachleute aus vielen Ländern Waffenstillstände überwachen oder die Bevölkerung schützen. Im Mai 2026 liefen nach Angaben der UN elf solcher Missionen, unter anderem in Zypern, im Libanon und im Südsudan.
Dazu kommen Gesandte, die zwischen Konfliktparteien vermitteln, und die Kommission für Friedenskonsolidierung, die Länder nach dem Ende von Kämpfen begleitet.
Welche Rolle spielt Recht für den Frieden?
Eine große. Im Modell von Dieter Senghaas ist die Bindung staatlichen Handelns an Recht und Gesetz einer der sechs Bausteine eines dauerhaften Friedens. Wo Gerichte unabhängig entscheiden, müssen Menschen ihr Recht nicht selbst durchsetzen.
Zwischen Staaten übernehmen Verträge und das Völkerrecht diese Aufgabe. Sie ersetzen nicht den Willen der Beteiligten, Frieden zu halten, geben ihm aber einen verlässlichen Rahmen, auf den sich auch die schwächere Seite berufen kann.
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