Frieden
Friedensbewegung
Seit über hundert Jahren gehen in Deutschland Menschen für den Frieden auf die Straße. Ihre Geschichte erzählt viel darüber, wie sich Protest und Land verändert haben
Das Wichtigste in Kürze
- Eine Friedensbewegung ist eine soziale Bewegung, die Krieg und Aufrüstung mit friedlichen Mitteln verhindern will: mit Demonstrationen, Appellen, Gottesdiensten und Gebeten.
- In Deutschland beginnt ihre organisierte Geschichte 1892 mit der Gründung der Deutschen Friedensgesellschaft in Berlin.
- In den fünfziger Jahren richtete sich der Protest gegen die Wiederbewaffnung und gegen Atomwaffen für die Bundeswehr.
- Ihre größte Zeit erlebte die Bewegung Anfang der achtziger Jahre im Protest gegen den NATO-Doppelbeschluss, mit Hunderttausenden in Bonn.
- In der DDR entstand unter dem Dach der evangelischen Kirchen eine vom Staat unabhängige Friedensbewegung, als einzigem Land des Ostblocks.
In Zahlen
1892
Deutsche Friedensgesellschaft
gegründet in Berlin
300.000
Menschen im Bonner Hofgarten
am 10. Oktober 1981, knapp
70.000
in Leipzig
am 9. Oktober 1989, weit mehr als
- Bonn, 10.10.1981rund 300.000
- Bonn, 10.6.1982400.000 bis 500.000
- Dresden, 14.2.1983rund 100.000
- Bonn, 22.10.1983200.000
- Anfänge
- Bertha von Suttner, Die Waffen nieder, 1889
- Erster Ostermarsch
- 1960 in Norddeutschland
- In der DDR
- Friedensdekade ab 1980, Schwerter zu Pflugscharen
- Einordnung
- überparteilich beschrieben, ohne Wertung heutiger Positionen
Wie begann die Friedensbewegung?
Die organisierte Friedensbewegung in Deutschland beginnt Ende des 19. Jahrhunderts. Die österreichische Schriftstellerin Bertha von Suttner veröffentlichte 1889 den Roman Die Waffen nieder, eines der einflussreichsten Bücher gegen den Krieg in jener Zeit. 1905 erhielt sie als erste Frau den Friedensnobelpreis.
Gemeinsam mit Alfred Hermann Fried gründete sie am 9. November 1892 in Berlin die Deutsche Friedensgesellschaft. Fried bekam 1911 ebenfalls den Friedensnobelpreis. Die Gesellschaft gilt als älteste deutsche Friedensorganisation und besteht bis heute.
1914 kam der Internationale Versöhnungsbund hinzu, gegründet auf einer Konferenz in Konstanz, kurz bevor der Erste Weltkrieg begann. Christinnen und Christen aus mehreren Ländern wollten den drohenden Krieg abwenden.
Woher kommen die Ostermärsche?
In der jungen Bundesrepublik formierte sich der Protest vor allem gegen Atomwaffen. Am 7. März 1958 gründete sich der Arbeitsausschuss Kampf dem Atomtod, im April desselben Jahres folgten Massenkundgebungen in mehreren Großstädten gegen die Ausrüstung der Bundeswehr mit Kernwaffen.
Das Vorbild für die Ostermärsche kam aus Großbritannien. Dort demonstrierten Ostern 1958 rund 10.000 Menschen mit einem viertägigen Marsch gegen Atomwaffen. 1960 fand in Norddeutschland der erste Ostermarsch der Bundesrepublik statt.
Die Ostermärsche gibt es bis heute. Sie sind eine der ältesten Protestformen der deutschen Friedensbewegung und werden jedes Jahr an Ostern von örtlichen Initiativen organisiert.
Was geschah in den achtziger Jahren?
Anfang der achtziger Jahre wurde die Friedensbewegung in der Bundesrepublik zu einer Massenbewegung. Anlass war die geplante Stationierung neuer amerikanischer Mittelstreckenraketen. Im November 1980 forderte der Krefelder Appell die Bundesregierung auf, ihre Zustimmung dazu zurückzuziehen. Mehr als drei Millionen Menschen unterschrieben.
Am 10. Oktober 1981 kamen knapp 300.000 Menschen in den Bonner Hofgarten. Es war bis dahin die größte Demonstration in der Geschichte der Bundesrepublik. Im Herbst 1983 bildeten Demonstrierende am 22. Oktober eine 108 Kilometer lange Menschenkette zwischen Neu-Ulm und Stuttgart.
Die Bewegung war vielfältig: Kirchen, Gewerkschaften, Umweltgruppen, Ärztinnen und Ärzte, Studierende und viele Menschen ohne feste Bindung an eine Organisation. In dieser Zeit entstanden auch neue Gruppen wie der Bund für Soziale Verteidigung.
Gab es eine Friedensbewegung in der DDR?
Ja, sie entstand vor allem unter dem Dach der evangelischen Kirchen. Im November 1980 fanden erstmals Friedensdekaden statt, zehn Tage mit Gottesdiensten und Gesprächen, zeitgleich in Ost- und Westdeutschland. Das Motto lautete Frieden schaffen ohne Waffen.
Als Symbol wählten die Kirchen ein Bild aus der Bibel: Schwerter zu Pflugscharen, nach dem Propheten Micha. 1981 wurde es als Aufnäher gedruckt, bald waren weit über 100.000 davon im Umlauf. Ab Januar 1982 war das Tragen an Bildungseinrichtungen verboten, oft wurden die Aufnäher gewaltsam entfernt.
In Leipzig fand am 20. September 1982 das erste Friedensgebet in der Nikolaikirche außerhalb der Friedensdekade statt. Die Gebete wurden zum Treffpunkt einer wachsenden Bewegung. Am 9. Oktober 1989 zogen weit mehr als 70.000 Menschen friedlich durch Leipzig, ein entscheidender Tag der Friedlichen Revolution.
Was ist von der Friedensbewegung geblieben?
Viele Organisationen aus der Geschichte der Friedensbewegung bestehen bis heute, von der Deutschen Friedensgesellschaft über pax christi bis zu IPPNW. Die Ostermärsche finden jedes Jahr statt, und die Friedensgebete in der Leipziger Nikolaikirche gibt es noch immer, jeden Montag um 17 Uhr.
Daneben ist ein Arbeitsfeld entstanden, das es früher kaum gab: die professionelle zivile Konfliktbearbeitung. Seit 1999 entsendet der Zivile Friedensdienst Fachkräfte in Konfliktregionen, und Netzwerke wie die Plattform Zivile Konfliktbearbeitung verbinden die Organisationen.
Über die richtige Friedenspolitik wird in Deutschland bis heute gestritten, auch innerhalb der Friedensbewegung. Diese Seite beschreibt ihre Geschichte und bewertet keine heutigen Positionen.
Wogegen richtete sich der Protest in den fünfziger Jahren?
Nach dem Zweiten Weltkrieg entzündete sich der erste große Streit an der Frage, ob die junge Bundesrepublik wieder Soldaten haben sollte. Von 1949 bis 1955 vertrat die sogenannte Ohne-mich-Bewegung Argumente gegen die Wiederaufrüstung. Sie reichte von konservativen über liberale und religiöse Kreise bis zur Linken. Am 9. Oktober 1950 trat Bundesinnenminister Gustav Heinemann aus Protest gegen die Haltung der Regierungsmehrheit zur Wiederbewaffnung zurück.
Am 29. Januar 1955 lehnten Oppositionspolitiker, Gewerkschaftsmitglieder und Theologen in der Frankfurter Paulskirche mit dem Deutschen Manifest die Pariser Verträge von 1954 ab. Diese Verträge ebneten den Weg der Bundesrepublik in die NATO und zum Aufbau der Bundeswehr.
Danach rückten Atomwaffen in den Mittelpunkt. Am 15. März 1957 teilten die USA mit, dass ihre Streitkräfte in der Bundesrepublik über Atomwaffen verfügen. Am 12. April 1957 forderten 18 führende deutsche Atomwissenschaftler im Göttinger Manifest die Bundesregierung auf, auf eine atomare Bewaffnung der Bundeswehr zu verzichten. Wenige Tage später übertrugen rund 150 Rundfunkanstalten weltweit eine Ansprache von Albert Schweitzer, der zur Einstellung der Atomwaffenversuche aufrief.
Am 25. März 1958 beschloss der Bundestag, die Bundeswehr im Rahmen der NATO mit Atomwaffen auszustatten, falls keine allgemeine Abrüstungsvereinbarung zustande kommt. Hamburg und Bremen planten daraufhin Volksbefragungen zur atomaren Bewaffnung. Das Bundesverfassungsgericht erklärte sie am 30. Juli 1958 für verfassungswidrig. An diese Kampagnen der fünfziger Jahre knüpfte die Bewegung später an.
Was war der NATO-Doppelbeschluss?
Am 12. Dezember 1979 vereinbarten 14 Außen- und Verteidigungsminister der NATO einen Beschluss mit zwei Teilen. Der erste sah vor, die Mittelstreckenraketen in Westeuropa ab 1983 durch Raketen vom Typ Pershing II und durch Marschflugkörper zu modernisieren. Der zweite bot der Sowjetunion schon vorher Verhandlungen über eine Begrenzung dieser Waffen an. Daher der Name Doppelbeschluss.
Hintergrund war, dass die Sowjetunion ihre auf Westeuropa gerichteten Mittelstreckenraketen durch neue Raketen vom Typ SS-20 ersetzt hatte. Waffen dieser Reichweite waren bis dahin nicht Teil der Abrüstungsverträge zwischen den USA und der Sowjetunion. Die Verhandlungen in Genf brachten bis zum Herbst 1983 keinen Durchbruch.
Gegen die geplante Stationierung richteten sich die großen Demonstrationen dieser Jahre, vom Bonner Hofgarten 1981 bis zur Friedenswoche im Oktober 1983. Am 22. November 1983 billigte der Bundestag die Stationierung trotzdem, in namentlicher Abstimmung mit 296 Ja- gegen 226 Nein-Stimmen bei einer Enthaltung. Am 25. November trafen die ersten Pershing-II-Raketen in der Bundesrepublik ein.
Vier Jahre später änderte sich die Lage. Am 8. Dezember 1987 unterzeichneten die USA und die Sowjetunion in Washington ein Abkommen über die vollständige Beseitigung atomarer Mittelstreckenwaffen. Es war das erste Abkommen, das eine ganze Kategorie von Kernwaffen verbot.
Stadt Leipzig über die Nikolaikirche
Seit 1982 beteten hier die Menschen für den Frieden und die Menschenrechte.
Quellen
- Nobelprize.org: Bertha von Suttner, Facts
- Haus der Geschichte, LeMO: Bertha von Suttner
- DFG-VK: Unsere Geschichte
- bpb: Ostermärsche
- bpb: Deutschland-Chronik, 10. Oktober 1981
- Haus der Geschichte, LeMO: Friedensbewegung
- Haus der Geschichte, LeMO: Jahreschronik 1983
- Nikolaikirche Leipzig: Ausstellung Friedensgebet
- Stadt Leipzig: Der 9. Oktober 89
- Haus der Geschichte, LeMO: Jahreschronik 1950
- Haus der Geschichte, LeMO: Jahreschronik 1955
- Haus der Geschichte, LeMO: Jahreschronik 1957
- Haus der Geschichte, LeMO: Jahreschronik 1958
- Haus der Geschichte, LeMO: Jahreschronik 1979
- Haus der Geschichte, LeMO: Jahreschronik 1982
- bpb: 22. November 1983, Bundestag bestätigt Entscheidung zum NATO-Doppelbeschluss
- Bundesarchiv: Der Blick der Bundeswehr auf die Friedensbewegung im Jahr 1983
- Netzwerk Friedenskooperative: Die historischen Etappen der Friedensbewegung
- CND: The history of CND
Stationen der Friedensbewegung
- 1889Bertha von Suttner veröffentlicht den Roman Die Waffen nieder.
- 9.11.1892Gründung der Deutschen Friedensgesellschaft in Berlin.
- 1914Gründung des Internationalen Versöhnungsbundes in Konstanz.
- 7.3.1958Der Arbeitsausschuss Kampf dem Atomtod wird gegründet.
- 1960Erster Ostermarsch der Bundesrepublik in Norddeutschland.
- November 1980Krefelder Appell und erste Friedensdekaden in Ost und West.
- 10.10.1981Knapp 300.000 Menschen im Bonner Hofgarten.
- 20.9.1982Erstes Leipziger Friedensgebet außerhalb der Friedensdekade.
- 22.10.1983Menschenkette von Neu-Ulm nach Stuttgart, 108 Kilometer lang.
- 9.10.1989Weit mehr als 70.000 Menschen demonstrieren friedlich in Leipzig.
Häufige Fragen kurz beantwortet
Was bedeutet der Begriff genau?
Gemeint sind soziale Bewegungen, die Krieg und Kriegsrüstung verhindern wollen und Krieg als Mittel der Politik ablehnen. Sie haben keine zentrale Leitung, sondern bestehen aus vielen Vereinen, Initiativen, kirchlichen Gruppen und einzelnen Menschen, die sich zu bestimmten Anlässen zusammenschließen.
Der Begriff wird meist für ein Land und eine Zeit verwendet, etwa für die Proteste in der Bundesrepublik Anfang der achtziger Jahre oder für die kirchlichen Friedensgruppen in der DDR. Ihre Mittel sind öffentlich und friedlich: Demonstrationen, Unterschriften, Mahnwachen, Gottesdienste und Bildungsarbeit.
Gab es solche Bewegungen auch in anderen Ländern?
Ja. In Großbritannien wurde die Campaign for Nuclear Disarmament im Februar 1958 mit einer großen öffentlichen Versammlung in London gegründet. Anfang der achtziger Jahre entstanden aus Angst vor einem Atomkrieg in vielen westlichen Staaten Friedensbewegungen, die Rüstungskontrolle und Abrüstung forderten.
Im Ostblock war unabhängiger Protest dagegen kaum möglich. Die DDR war laut Haus der Geschichte das einzige Land des Ostblocks, in dem eine vom Staat und seinen Parteien unabhängige Friedensbewegung entstand.
Wie viele Menschen demonstrierten im Herbst 1983?
Höhepunkt war die Friedenswoche vom 15. bis 22. Oktober 1983 mit Kundgebungen und Menschenketten an vielen Orten. Allein im Bonner Hofgarten kamen am 22. Oktober nach Angaben des Bundesarchivs 200.000 Menschen zusammen. Bundesweit gingen an diesem Tag nach Schätzungen gut 1,3 Millionen Menschen auf die Straße.
Zu den Aktionen dieses Tages gehörte auch die 108 Kilometer lange Menschenkette zwischen Neu-Ulm und Stuttgart. Genaue Teilnehmerzahlen gibt es für keine dieser Demonstrationen, die Angaben unterscheiden sich je nach Quelle.
Welche Rolle spielte der Kalte Krieg?
Eine zentrale. Die Anhänger der Bewegung waren laut Haus der Geschichte der Meinung, der Rüstungswettlauf der Supermächte habe jedes vernünftige Maß überschritten. Die beiden deutschen Staaten wären von einem atomaren Konflikt zwischen den Supermächten zuerst betroffen gewesen, deshalb stießen Forderungen nach Rüstungskontrolle und Abrüstung hier auf besonders große Resonanz.
Mit der Entspannungs- und Abrüstungspolitik Ende der achtziger Jahre wurde die Bewegung wieder kleiner.
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