Frieden
Positiver und negativer Frieden
Johan Galtung hat 1969 zwei Begriffe geprägt, die bis heute das Nachdenken über Frieden bestimmen. Sie trennen das Schweigen der Waffen von einem Frieden, der auch gerecht ist
Das Wichtigste in Kürze
- Negativer Frieden bedeutet die Abwesenheit direkter Gewalt, positiver Frieden zusätzlich die Abwesenheit struktureller und kultureller Gewalt.
- Johan Galtung führte die Unterscheidung 1969 mit seinem Aufsatz Violence, Peace, and Peace Research in die Sozialwissenschaften ein.
- Negativ heißt dabei nicht schlecht: Das Wort beschreibt, dass etwas fehlt, nämlich die Gewalt.
- Positiver Frieden gilt als langfristiger Prozess, in dem Gewalt abnimmt und Gerechtigkeit zunimmt.
- Kritiker halten den weiten Begriff für unscharf, in Forschung und Bildung ist er trotzdem weit verbreitet.
In Zahlen
1969
Violence, Peace, and Peace Research
Galtungs Aufsatz im Journal of Peace Research
3
Formen der Gewalt
direkt, strukturell und kulturell
1959
PRIO in Oslo
Galtung stand im Zentrum der Gründung
Negativer Frieden
- Was fehlt
- direkte, personale Gewalt
- Gewalt im Blick
- Krieg, Mord, Körperverletzung, Drohung
- Beispiel
- Abschreckung im Kalten Krieg: kein Krieg, aber ständige Gefahr
- Ziel
- Gewalt beenden oder verhindern
- Zeithorizont
- kann rasch eintreten, etwa mit einem Waffenstillstand
Positiver Frieden
- Was fehlt
- auch strukturelle und kulturelle Gewalt
- Gewalt im Blick
- Armut, fehlender Zugang zu Gesundheit oder Bildung
- Beispiel
- gerechte Verhältnisse, in denen alle ihre Möglichkeiten entfalten
- Ziel
- Gewalt beenden und Gerechtigkeit aufbauen
- Zeithorizont
- langfristiger Prozess auf mehreren Ebenen
- Begründer
- Johan Galtung, norwegischer Friedensforscher, 1930 bis 2024
- Grundtext
- Journal of Peace Research, 1969, Heft 3
- Ergänzung
- Cultural Violence, 1990
- Einsatz
- Friedensforschung und Friedenspädagogik
Was ist positiver und negativer Frieden?
Negativer Frieden bedeutet die Abwesenheit personaler, direkter Gewalt: Niemand wird getötet, verletzt oder bedroht. Positiver Frieden geht weiter und meint auch die Abwesenheit struktureller, indirekter Gewalt. So fasst die Bundeszentrale für politische Bildung die Unterscheidung zusammen, die heute in der Friedens- und Konfliktforschung üblich ist.
Negativ heißt dabei nicht schlecht. Das Wort beschreibt, dass etwas fehlt, nämlich die Gewalt. Positiv heißt, dass etwas hinzukommt: gerechte Verhältnisse, in denen Menschen ihre Möglichkeiten entfalten können.
Ein Land kann also negativen Frieden haben, ohne positiven Frieden zu haben. Es gibt keinen Krieg, aber Menschen sterben früher, als sie müssten, weil ihnen Zugang zu Nahrung, Gesundheit oder Bildung fehlt.
Wer war Johan Galtung?
Johan Galtung war ein norwegischer Friedensforscher, der von 1930 bis 2024 lebte. Er stand im Zentrum der Gruppe, die 1959 in Oslo das Friedensforschungsinstitut PRIO gründete, und gründete 1964 die Fachzeitschrift Journal of Peace Research.
In dieser Zeitschrift erschien 1969 sein Aufsatz Violence, Peace, and Peace Research, mit dem er die Begriffe des negativen und positiven Friedens in die Sozialwissenschaften einführte.
Galtung starb am 17. Februar 2024 im Alter von 93 Jahren. Die Abteilung für Friedens- und Konfliktforschung der Universität Uppsala veröffentlichte einen Nachruf auf ihn. Das Institut PRIO schreibt, ohne seine Tatkraft und Persönlichkeit wäre es nie entstanden.
Was ist strukturelle Gewalt?
Galtungs Ausgangspunkt war eine weite Bestimmung von Gewalt: Gewalt liegt vor, wenn Menschen so beeinflusst werden, dass ihre tatsächliche körperliche und geistige Verwirklichung geringer ist als ihre mögliche. Gewalt ist nach diesem Verständnis der Abstand zwischen dem, was möglich wäre, und dem, was ist.
Ist dafür ein Mensch verantwortlich, der schlägt, schießt oder droht, spricht Galtung von personaler oder direkter Gewalt. Gibt es keinen solchen Täter, sondern ungleiche Verhältnisse, die denselben Schaden anrichten, spricht er von struktureller Gewalt. Sie ist in Institutionen und Machtverhältnissen eingebaut und wirkt oft unsichtbar.
Ein häufig genanntes Beispiel ist eine Krankheit, die behandelbar wäre, an der Menschen aber sterben, weil ihnen der Zugang zur Behandlung fehlt. Niemand hat sie angegriffen, und doch werden sie unter ihren Möglichkeiten gehalten.
Was meint Galtung mit kultureller Gewalt?
Zwanzig Jahre später ergänzte Galtung seine Unterscheidung. 1990 veröffentlichte er im selben Journal den Aufsatz Cultural Violence. Er beschreibt ihn selbst als Fortsetzung seines Begriffs der strukturellen Gewalt von 1969.
Mit kultureller Gewalt meint er Aspekte einer Kultur, mit denen sich direkte oder strukturelle Gewalt rechtfertigen lässt, etwa durch Religion, Ideologie, Sprache, Kunst oder Wissenschaft. Sie sorgt dafür, dass Gewalt als richtig oder zumindest als nicht falsch erscheint.
So entsteht ein Dreieck aus direkter, struktureller und kultureller Gewalt. Positiver Frieden heißt in diesem Bild, an allen drei Ecken anzusetzen: Gewalt beenden, ungerechte Verhältnisse verändern und Rechtfertigungen für Gewalt den Boden entziehen.
Welche Kritik gibt es an den Begriffen?
Der weite Friedensbegriff ist in der Forschung umstritten. Ein Einwand lautet, er sei so umfassend, dass Frieden nirgendwo auf der Welt je erreicht sei. Ein Teil der Friedensforschung plädiert deshalb dafür, sich wieder auf den engen Begriff zu konzentrieren: die Abwesenheit von Gewalt und Krieg.
Ein zweiter Einwand ist grundsätzlicher. Wird jede ungerechte Struktur Gewalt genannt, könnte daraus eine neue Rechtfertigung von Gewalt folgen, nämlich als Gegengewalt gegen strukturelle Gewalt. Auf diese Gefahr weist ein Beitrag in der Zeitschrift Aus Politik und Zeitgeschichte hin.
Trotz dieser Kritik sind die Begriffe aus der Friedenspädagogik kaum wegzudenken. Sie helfen zu erklären, warum ein Waffenstillstand noch kein dauerhafter Frieden ist, und warum Friedensarbeit auch dort nötig ist, wo nicht geschossen wird.
Welche Beispiele machen den Unterschied greifbar?
Ein oft genanntes Beispiel aus der Geschichte ist der Kalte Krieg. Zwischen den Supermächten USA und Sowjetunion kam es nicht zum direkten Krieg. Rüstungskontrolle und vertrauensbildende Maßnahmen trugen in den 1980er Jahren dazu bei, dass Konflikte zwischen den Militärblöcken NATO und Warschauer Vertrag nicht eskalierten.
Ein positiver Frieden war das nach dem Schülerlexikon von Duden Learnattack aber nicht. Das Prinzip der Abschreckung, das sogenannte Gleichgewicht des Schreckens, beruhte auf großen Waffenarsenalen auf beiden Seiten und barg die latente Gefahr eines dritten Weltkriegs. Es herrschte negativer Frieden: keine Schlacht zwischen den beiden Blöcken, aber auch keine verlässliche Sicherheit. Wer in dieser Zeit lebte, blieb von einem Krieg zwischen den Blöcken verschont, solange die Abschreckung hielt, aber nicht von der Sorge, dass sie eines Tages versagen könnte.
Im Kleinen lässt sich der Unterschied ebenso zeigen. Eine Schulklasse, in der niemand geschlagen wird, in der aber einige Kinder dauerhaft ausgeschlossen sind, hat negativen Frieden. Positiver Frieden wäre erreicht, wenn auch die Ausgrenzung endet und alle die gleiche Chance haben mitzumachen. Die Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg fasst Galtungs Gedanken so zusammen: Abnehmende Gewalt bei zunehmender Gerechtigkeit führt zu mehr Frieden.
Woraus besteht ein Frieden, der dauerhaft trägt?
Das Institute for Economics and Peace (IEP) hat den Begriff aufgegriffen und versucht, ihn messbar zu machen. Es beschreibt positiven Frieden als die Einstellungen, Institutionen und Strukturen, die friedliche Gesellschaften schaffen und erhalten. Damit verschiebt sich der Blick: weg von der Frage, welche Gewalt fehlt, hin zu der Frage, was vorhanden sein muss.
Aus einer statistischen Auswertung zahlreicher Datenreihen leitet das Institut acht Säulen ab: eine gut funktionierende Regierung, ein solides wirtschaftliches Umfeld, eine gerechte Verteilung von Ressourcen, die Anerkennung der Rechte anderer, gute Beziehungen zu Nachbarn, freier Fluss von Informationen, ein hohes Maß an Humankapital und wenig Korruption.
Das IEP versteht diese Säulen als System. Sie wirken zusammen und stützen einander, keine wirkt für sich allein. Das passt zu Galtungs Gedanken, dass Frieden ein Prozess ist und kein Zustand, den man einmal erreicht. Anders als bei Galtung steht beim IEP aber weniger die Gewalt im Mittelpunkt als die Frage, welche Strukturen eine Gesellschaft friedlich und widerstandsfähig halten. Für die Praxis heißt das: Wer Frieden stärken will, kann an vielen Stellen ansetzen, in einer Behörde, in einem Betrieb oder in einer Nachbarschaft.
Johan Galtung, 1969, übersetzt
Gewalt liegt dann vor, wenn Menschen so beeinflusst werden, dass ihre aktuelle somatische und geistige Verwirklichung geringer ist als ihre potentielle Verwirklichung.
Quellen
- Johan Galtung: Violence, Peace, and Peace Research, 1969 (RePEc)
- Johan Galtung: Cultural Violence, 1990 (RePEc)
- GSDRC: Zusammenfassung von Violence, Peace, and Peace Research
- bpb, Dossier Kriege und Konflikte: Frieden
- bpb, APuZ: Internationale Politik und Friedenssicherung
- PRIO: Johan Galtung
- Universität Uppsala: Johan Galtung 1930 bis 2024
- Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg: Demokratie und Frieden
- Lernhelfer (Duden Learnattack): Definitionen des Friedens
- Institute for Economics and Peace: The Eight Pillars of Positive Peace
- Institute for Economics and Peace: Positive Peace
Die drei Formen der Gewalt
- Direkte GewaltEs gibt einen Täter und ein Opfer: Krieg, Mord, Körperverletzung, Drohung. Ihr Gegenteil ist der negative Frieden.
- Strukturelle GewaltEs gibt keinen einzelnen Täter, aber Verhältnisse, die Menschen unter ihren Möglichkeiten halten: Armut, fehlender Zugang zu Gesundheit oder Bildung.
- Kulturelle GewaltDeutungen in Religion, Ideologie, Sprache oder Wissenschaft, die direkte oder strukturelle Gewalt rechtfertigen.
- Positiver FriedenDie Abwesenheit aller drei Formen, verstanden als Prozess, nicht als einmal erreichter Zustand.
Häufige Fragen kurz beantwortet
Wie lassen sich die beiden Begriffe einfach erklären?
Negativer Frieden heißt: Es wird nicht geschossen, niemand wird geschlagen oder bedroht. Positiver Frieden heißt: Zusätzlich sind die Verhältnisse so gerecht, dass alle Menschen ihre Möglichkeiten entfalten können.
Ein Bild dafür ist ein Haus. Negativer Frieden ist das Fundament, ohne das nichts steht. Positiver Frieden ist das ganze Haus, in dem Menschen sicher und gut leben können. Wer nur das Fundament baut, hat einen Anfang, aber noch kein Zuhause.
Was unterscheidet einen Waffenstillstand von dauerhaftem Frieden?
Ein Waffenstillstand ist eine Vereinbarung, die Kämpfe einzustellen. Er beendet die direkte Gewalt, zumindest vorerst, und schafft damit negativen Frieden. Die Ursachen des Konflikts bleiben dabei oft ungelöst.
Ein dauerhafter Frieden braucht mehr: Regeln, auf die sich alle Seiten verlassen können, gerechtere Verhältnisse und ein Klima, in dem Gewalt nicht mehr als berechtigt gilt. In Galtungs Begriffen setzt er bei allen drei Formen der Gewalt an.
Ist der weite Friedensbegriff eine Utopie?
Die Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg nennt die Kritik an der konzeptuellen Unschärfe des Begriffs. Zugleich hält sie fest, dass die meisten Fachleute Frieden als komplexen und langfristigen Prozess sehen, der auf mehreren Ebenen verläuft.
In diesem Verständnis ist der weite Begriff eher eine Richtung als ein Endpunkt. Teilschritte lassen sich erkennen und benennen: weniger Gewalt, mehr Gerechtigkeit. Auch wo er nicht vollständig erreicht ist, zeigt er, wohin sich eine Gesellschaft bewegen kann.
Wie lassen sich die Begriffe im Unterricht nutzen?
Die Unterscheidung gehört zu den Grundlagen der politischen Bildung zum Thema Frieden. Die Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg stellt sie in einer eigenen Grafik nach der Berghof Foundation dar.
Im Unterricht lässt sich gut mit Beispielen aus dem eigenen Umfeld arbeiten. Die Klasse sammelt Situationen aus Schule, Stadt und Welt und ordnet sie zu: Fehlt hier nur die direkte Gewalt, oder auch die Ungerechtigkeit dahinter? Mehr dazu steht auf der Seite über Friedensbildung.
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