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Frieden

Friedensbildung

Frieden kann man lernen. Friedensbildung zeigt, wie Schulen, Jugendarbeit und Erwachsenenbildung Menschen darauf vorbereiten, mit Konflikten umzugehen

Das Wichtigste in Kürze

  • Friedensbildung ist politische Bildung, die Menschen befähigt, Konflikte ohne Gewalt auszutragen und Gewalt zu erkennen, in Schule, Jugendarbeit, Hochschule und Erwachsenenbildung.
  • Friedenspädagogik ist die Wissenschaft dahinter, Friedenserziehung die direkte Arbeit mit Lerngruppen, Friedensbildung der Begriff, der beides verbindet.
  • In der Schule gilt der Beutelsbacher Konsens: Friedensbildung zeigt verschiedene Sichtweisen und wirbt nicht für eine bestimmte Friedenspolitik.
  • Die UNESCO-Empfehlung von 2023 setzt den internationalen Maßstab für Bildung zu Frieden, Menschenrechten und nachhaltiger Entwicklung.

In Zahlen

1974

UNESCO-Empfehlung

zur Erziehung für Verständigung und Frieden

2023

Neue Empfehlung

von 194 Mitgliedstaaten angenommen

1976

Beutelsbacher Konsens

Grundlage politischer Bildung in Deutschland

Drei Begriffe, eine TraditionQuelle: Servicestelle Friedensbildung Baden-Württemberg, nach Gugel 2008 und Jäger 2014

Friedenspädagogik

Was gemeint ist
Wissenschaftliche Disziplin
Aufgabe
Theorien und Lernmodelle entwickeln
Typischer Ort
Hochschule und Forschung

Friedenserziehung

Was gemeint ist
Direkte pädagogische Arbeit
Aufgabe
Lernen mit einer Gruppe gestalten
Typischer Ort
Klasse, Jugendgruppe, Seminar

Friedensbildung

Was gemeint ist
Politische Bildung in dieser Tradition
Aufgabe
Am Frieden orientierte Lernprozesse anstoßen und begleiten
Typischer Ort
Schule als zentraler Lernort
Drei Ebenen, auf denen Frieden gelernt wirdQuelle: Servicestelle Friedensbildung Baden-Württemberg, nach Jäger 2014

Individuell

Ansätze
Gewaltprävention, Peer-Mediation, Schritte gegen Tritte
Leitfrage
Wie gehe ich mit Streit um?

Gesellschaftlich

Ansätze
Politische Bildung nach dem Beutelsbacher Konsens
Leitfrage
Wie regeln wir Konflikte gemeinsam?

International

Ansätze
Globales Lernen, Konfliktanalysen
Leitfrage
Wie entstehen und enden Konflikte weltweit?
Verwandte Begriffe
Friedenspädagogik, Friedenserziehung
Grundsätze
Beutelsbacher Konsens
Beispiel
Servicestelle Friedensbildung Baden-Württemberg, seit 2015
International
UNESCO-Empfehlung vom 20. November 2023

Was ist Friedensbildung?

Friedensbildung ist Bildungsarbeit, die Menschen befähigt, Konflikte ohne Gewalt auszutragen, Gewalt zu erkennen und sich für Frieden einzusetzen. Sie steht in der Tradition von Friedenspädagogik und Friedenserziehung und findet in Schulen, Jugendarbeit, Hochschulen und Erwachsenenbildung statt.

Die Servicestelle Friedensbildung Baden-Württemberg unterscheidet die Begriffe so: Die Friedenspädagogik ist die wissenschaftliche Disziplin, die Theorien und Lernmodelle entwickelt. Friedenserziehung meint die direkte pädagogische Arbeit. Friedensbildung ist der Oberbegriff, der heute meist verwendet wird.

Inhaltlich reicht Friedensbildung von Wissen über Krieg und Frieden bis zu ganz praktischen Fähigkeiten: zuhören, die Sicht des anderen einnehmen, Streit schlichten, Vorurteile erkennen.

Was will Friedenspädagogik erreichen?

Nach einem Beitrag der Bundeszentrale für politische Bildung zielt Friedenspädagogik darauf, Krieg weltweit zu ächten, individuelle, soziale und politische Gewalt zu reduzieren und mit Konflikten konstruktiv umzugehen.

Die Berghof Foundation, die seit Jahrzehnten in der Friedenspädagogik arbeitet, betont, dass es um mehr geht als Wissensvermittlung. Friedenspädagogik stärke Haltungen und Fähigkeiten: Empathie, Perspektivwechsel, konstruktive Kommunikation und Beteiligung.

Häufig bezieht sich die Friedenspädagogik auf den Friedensbegriff des norwegischen Forschers Johan Galtung, der Frieden als Prozess versteht, auf internationaler, gesellschaftlicher und individueller Ebene.

Darf Schule für Frieden werben?

Friedensbildung in der Schule folgt denselben Regeln wie jede politische Bildung in Deutschland. Diese Regeln stehen im Beutelsbacher Konsens, der seit 1976 die Grundlage politischer Bildung bildet.

Er hat drei Grundsätze: Lehrkräfte dürfen Schülerinnen und Schüler nicht überwältigen, also nicht zu einer bestimmten Meinung drängen. Was in Wissenschaft und Politik kontrovers ist, muss auch im Unterricht kontrovers erscheinen. Und der Unterricht soll befähigen, sich selbst ein Urteil zu bilden und demokratisch teilzuhaben.

Für Friedensbildung heißt das: Sie wirbt nicht für eine bestimmte Friedenspolitik, sondern zeigt verschiedene Wege und Sichtweisen und stärkt die Fähigkeit, sich selbst eine begründete Meinung zu bilden.

Welche Rolle spielt die UNESCO?

Die UNESCO hat 1974 eine Empfehlung zur Erziehung für internationale Verständigung, Zusammenarbeit und Frieden verabschiedet. Sie gilt als Meilenstein, weil sie erstmals Frieden, internationale Verständigung und Menschenrechte in einem Bildungsdokument zusammenführte.

Am 20. November 2023 haben die 194 Mitgliedstaaten der UNESCO eine Nachfolgerin angenommen: die Empfehlung zur Bildung für Frieden, Menschenrechte und nachhaltige Entwicklung. Sie aktualisiert die Fassung von 1974 und ist das einzige weltweite Normdokument zu diesem Thema.

Empfehlungen der UNESCO sind kein bindendes Recht. Sie setzen aber einen Maßstab, an dem sich Bildungspolitik und Lehrpläne der Mitgliedstaaten orientieren können.

Wie sieht Friedensbildung in der Praxis aus?

Ein Beispiel ist die Servicestelle Friedensbildung Baden-Württemberg. Im April 2015 haben das Kultusministerium, die Landeszentrale für politische Bildung und die Berghof Foundation einen Vertrag über ihre Einrichtung geschlossen. Ihr Auftrag ist, Friedensbildung an den Schulen des Landes zu stärken.

Im Unterricht kann Friedensbildung ganz unterschiedlich aussehen: ein Projekt über Streitschlichtung, ein Rollenspiel zu einer Verhandlung, die Begegnung mit Menschen, die einen Krieg erlebt haben, oder eine Unterrichtsreihe über Menschenrechte.

Auch außerhalb der Schule gibt es viele Angebote, von Kursen in Gewaltfreier Kommunikation bis zu internationalen Jugendbegegnungen. Gemeinsam ist ihnen, dass sie Frieden nicht nur erklären, sondern einüben.

Wie hängen Gewaltprävention, politische Bildung und Globales Lernen zusammen?

Die Servicestelle Friedensbildung Baden-Württemberg beschreibt das Feld als Bogen über drei Ebenen. Auf der individuellen Ebene setzen Programme zur Gewaltprävention an, etwa die Peer-Mediation, bei der Gleichaltrige einen Streit untereinander schlichten, oder das Programm „Schritte gegen Tritte“. Auf der gesellschaftlichen Ebene geht es um politische Bildung und das Zusammenleben in einer Demokratie. Mit der internationalen Ebene beschäftigt sich das Globale Lernen.

Auch die Bildung für nachhaltige Entwicklung zählt die Servicestelle zu den verwandten Konzepten. Friedensbildung steht nicht in Konkurrenz zu diesen Ansätzen, sie schließt sie ein. Nach Uli Jäger von der Berghof Foundation will sie „umfassende, ganzheitliche und am Leitwert Frieden orientierte Lernprozesse“ anstoßen und begleiten. Im Kern soll sie einen Beitrag zur Friedensfähigkeit von Menschen und Gruppen leisten.

Dazu gehört ein selbstkritischer Blick auf die eigene Arbeit. Bildung ist nicht von sich aus friedensstiftend. Sie kann auch gewaltvolle Strukturen stützen oder Konflikte verfestigen, statt sie zu bearbeiten. Der Friedensforscher Dieter Senghaas fragte bereits 1969: „Wie ist eine Erziehung zum Frieden in einer Welt organisierter Friedlosigkeit überhaupt denkbar und möglich?“

Für Lehrkräfte ist diese Frage nicht abstrakt. Sie stehen vor Klassen, in denen Kinder aus Kriegsgebieten neben Kindern sitzen, die Krieg nur aus den Nachrichten kennen. Friedensbildung gibt darauf keine fertige Antwort, aber einen Rahmen: vom eigenen Verhalten im Streit über das Zusammenleben vor Ort bis zu den Fragen, die die ganze Welt betreffen.

Wie kommen Kriege und Konflikte in den Unterricht?

Krieg und Flucht, Gewalt, Terror und Radikalisierung sind Themen, die Kinder und Jugendliche beschäftigen, ob sie selbst betroffen sind oder nur davon hören. Die Servicestelle Friedensbildung beschreibt genau diese Betroffenheit als Ausgangspunkt. Hier setzt Friedensbildung an: Sie nimmt die Fragen der Lernenden auf, statt das Thema aus dem Klassenzimmer herauszuhalten.

Für internationale Konflikte heißt das nach der Servicestelle, dass sich Lernende aktiv und kritisch mit beiden Seiten befassen: mit ziviler Konfliktbearbeitung und mit militärischen Mitteln der Intervention. Dafür stellt die Servicestelle Konfliktanalysen zu einzelnen Ländern und Regionen bereit, auch in Einfacher und Leichter Sprache und für den Fremdsprachenunterricht. Ein Lernposter und ein Erklärvideo zeigen Schritt für Schritt, wie man einen Konflikt analysiert.

Der Auftrag der Servicestelle geht über einzelne Materialien hinaus. Sie soll Lehrkräfte qualifizieren, sie beraten und ihnen Unterrichtsmaterial zur Verfügung stellen. Neben den Konfliktanalysen gehören dazu Merkblätter, Spiele, Buchtipps mit Kinder- und Jugendbüchern zum Thema Frieden und die Ausstellung „Frieden machen“.

Berghof Foundation, 2026

Friedenspädagogik ist mehr als Wissensvermittlung. Sie stärkt Haltungen und Fähigkeiten: Empathie, Perspektivwechsel, konstruktive Kommunikation, Beteiligung.
Was ist Frieden?

Die drei Grundsätze des Beutelsbacher Konsenses

  1. ÜberwältigungsverbotLernende werden nicht zu einer bestimmten Meinung gedrängt.
  2. KontroversitätWas in Wissenschaft und Politik umstritten ist, erscheint auch im Unterricht als umstritten.
  3. TeilhabeLernende werden befähigt, sich ein eigenes Urteil zu bilden und demokratisch mitzuwirken.

Häufige Fragen kurz beantwortet

Was ist Friedenserziehung?

Friedenserziehung meint die direkte pädagogische Arbeit, also das, was in einer Klasse, einer Jugendgruppe oder einem Seminar tatsächlich geschieht. So beschreibt es die Servicestelle Friedensbildung Baden-Württemberg unter Berufung auf einen Beitrag von Günther Gugel aus dem Jahr 2008.

Die Friedenspädagogik liefert dazu als Wissenschaft die Theorien und Lernmodelle. Beide stehen in derselben Tradition wie die heutige Friedensbildung. Im Alltag kann Friedenserziehung ein Klassenrat sein, eine Übung zum Perspektivwechsel oder ein gemeinsames Gespräch über einen Streit auf dem Schulhof.

Kann man Friedenspädagogik studieren?

Wer sich wissenschaftlich mit Frieden beschäftigen will, findet Masterstudiengänge der Friedens- und Konfliktforschung. Die Universität Marburg bietet einen solchen Studiengang seit über 20 Jahren an, er war damals der erste seiner Art in Deutschland. In Frankfurt bieten die Goethe-Universität und die Technische Universität Darmstadt gemeinsam einen Master an, in Kooperation mit dem Leibniz-Institut für Friedens- und Konfliktforschung.

Friedensbildung ist außerdem Thema in der Lehrkräftebildung, etwa in einem Seminar der Universität Hamburg für Lehramtsstudierende im Fach Religion.

Wie lernen Kinder in Kita und Grundschule Frieden?

Für jüngere Kinder gibt es eigene Angebote. Die Berghof Foundation betreibt das Portal frieden-fragen.de für Kinder, Eltern und Erziehende. Kinder können dort eigene Fragen zu Krieg, Streit, Gewalt und Frieden stellen und bekommen eine persönliche Antwort, die sie mit schwierigen Themen nicht allein lassen soll.

Für Erwachsene bietet das Portal Arbeitsblätter und Szenarien für den Unterricht, etwa zum Umgang mit streitenden Freunden.

Welches Unterrichtsmaterial gibt es zur Friedensbildung?

Eine bekannte Reihe ist „Friedensbildung AKTUELL“ der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg. Die Hefte sind kostenlos und haben je vier Seiten: eine Einführung für Lehrkräfte mit Bezügen zu den Bildungsplänen, zwei Seiten Kopiervorlagen und eine Seite mit weiteren Hinweisen. Bestellen kann man sie als Druckfassung, auch als Klassensatz, im Webshop der Landeszentrale, dort stehen sie auch als PDF bereit.

Die Ausgabe „Menschenrechte und Frieden“ stellt zum Beispiel Friedensmacher und Menschenrechtsverteidigerinnen vor.

Gibt es ein Institut für Friedenspädagogik in Tübingen?

Ja, in Tübingen gibt es eine lange Tradition. Die Berghof Foundation unterstützte ab 1977 den Verein für Friedenspädagogik Tübingen, der später zum Institut wurde und 1999 den UNESCO-Preis für Friedenserziehung erhielt.

Seit 2012 sind Konfliktforschung, Friedensunterstützung und Friedenspädagogik in der Berghof Foundation zusammengeführt. Die Friedenspädagogik Tübingen ist heute Teil der Stiftung. Auch das Kinderportal frieden-fragen.de erscheint als Angebot der Berghof Foundation und der Friedenspädagogik Tübingen.

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