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Wie Kriege endeten

Der Wiener Kongress

Nach über zwanzig Jahren Krieg verhandelten die europäischen Mächte in Wien eine neue Ordnung. Was dort entstand, hielt länger als alles, was ihm vorausging

In Zahlen

9

Monate Verhandlung

Oktober 1814 bis Juni 1815

5

führende Mächte

dazu Dutzende kleinerer Staaten

39

Staaten im Deutschen Bund

rund, die Zahl änderte sich später

Zeitraum
Oktober 1814 bis Juni 1815
Ort
Wien
Beteiligte
Österreich, Preußen, Russland, Großbritannien und Frankreich, dazu Gesandte zahlreicher kleinerer Staaten
Ergebnis
Eine Neuordnung des Kontinents und der Deutsche Bund, festgehalten in der Schlussakte vom 8. Juni 1815
Diplomaten in Uniform und Frack sitzen und stehen um einen Verhandlungstisch in einem Salon
Sitzung der Bevollmächtigten der acht Mächte des Pariser Vertrags auf dem Wiener Kongress 1815.Lithografie von Bernhard J. Dondorf nach Jean-Baptiste Isabey, zwischen 1833 und 1872, CC0, Rijksmuseum, Wikimedia Commons

Was war der Wiener Kongress?

Von Oktober 1814 bis Juni 1815 kamen in Wien Staatsmänner und Diplomaten zusammen, um einen Kontinent neu zu ordnen, den Revolution und Krieg über zwei Jahrzehnte erschüttert hatten. Geleitet wurde die Zusammenkunft vom österreichischen Staatskanzler Clemens Fürst von Metternich.

Der Kongress war kein Friedensvertrag im engeren Sinn. Der Erste Pariser Friedensvertrag vom 30. Mai 1814 hatte den Krieg bereits beendet und die offenen Fragen ausdrücklich an eine spätere Zusammenkunft verwiesen. In Wien ging es also nicht mehr um das Ob des Friedens, sondern um seine Bedingungen.

Verhandelt wurde über neun Monate in wechselnden Runden, oft abseits der offiziellen Sitzungen. Am Ende stand die Schlussakte vom 8. Juni 1815, ein Bündel von Vereinbarungen statt eines einzelnen Vertrags.

Wer verhandelte, und mit welchem Ziel?

Den Ton gaben die vier Mächte an, die Napoleon besiegt hatten: Österreich, Preußen, Russland und Großbritannien. Frankreich saß als Verlierer mit am Tisch und gewann im Lauf der Verhandlungen Gewicht zurück. Dazu kamen Gesandte zahlreicher kleinerer Staaten, die um ihre Stellung in der neuen Ordnung rangen.

Das erklärte Ziel war, die Verhältnisse vor der Französischen Revolution wiederherzustellen. Das zweite, unausgesprochene Ziel war praktischer: künftige Revolutionen verhindern und dafür sorgen, dass keine einzelne Macht den Kontinent noch einmal beherrschen konnte.

Beide Ziele zusammen erklären den eigentümlichen Charakter dieser Ordnung. Sie war nach außen auf Ausgleich angelegt und nach innen auf Stillstand.

Was wurde beschlossen?

Grenzen wurden neu gezogen, Herrschaftsgebiete getauscht, Dynastien wieder eingesetzt. Für den deutschsprachigen Raum war die folgenreichste Entscheidung der Deutsche Bund: ein Zusammenschluss souveräner Staaten anstelle des aufgelösten Alten Reiches, festgehalten in der Bundesakte, die Teil der Schlussakte vom 8. Juni 1815 wurde.

Dahinter stand ein Prinzip, das über die Einzelbeschlüsse hinausreichte: ein Gleichgewicht der Kräfte, in dem keine Macht stark genug sein sollte, die anderen zu überwältigen. Dieses Denken prägte die europäische Diplomatie für den Rest des Jahrhunderts.

Ergänzt wurde es im September 1815 durch die Heilige Allianz zwischen Russland, Österreich und Preußen. Sie verstand sich als Wertegemeinschaft und wirkte praktisch als Bündnis gegen jede Bewegung, die an der neuen Ordnung rüttelte.

Wie lange hielt der Frieden?

Zwischen den europäischen Staaten folgten Jahrzehnte ohne großen Krieg. Das 19. Jahrhundert ist deshalb als der friedlichste Zeitraum der europäischen Geschichte bezeichnet worden. Gemessen an den zwanzig Jahren davor ist das der bemerkenswerteste Befund über diese Verhandlungen.

Die Ordnung überstand dabei eine harte Probe. Mitten in den Verhandlungen kehrte Napoleon nach Frankreich zurück; erst seine Niederlage bei Waterloo am 18. Juni 1815 beendete diese Episode. Das in Wien Vereinbarte wurde danach bestätigt, nicht neu verhandelt.

Nach innen sah es anders aus. Die Karlsbader Beschlüsse vom September 1819 brachten Zensur und die Überwachung der Universitäten, samt einer Zentraluntersuchungskommission in Mainz. Der Druck wuchs über Jahrzehnte, bis er sich 1848 in Revolutionen entlud. Der Kongress schuf Frieden zwischen Staaten, nicht Freiheit in ihnen.

Was lässt sich daraus lernen?

Dass Frieden verhandelbar ist, auch nach zwanzig Jahren Krieg und zwischen Gegnern, die einander eben noch bekämpft haben. Und dass er Zeit braucht: neun Monate saßen die Beteiligten zusammen, und die eigentliche Arbeit begann, als die Waffen längst schwiegen.

Ebenso deutlich ist die Grenze. Ein Frieden, der nur die Abwesenheit von Krieg sichert und die Anliegen der Menschen in den Staaten übergeht, bleibt brüchig. In der Friedensforschung heißt das negativer Frieden, im Unterschied zum positiven Frieden, bei dem auch die Bedingungen fehlen, aus denen Gewalt entsteht.

Für heute heißt das zweierlei. Erstens: Wer Frieden will, muss ihn machen, und das dauert. Zweitens: Ein Waffenstillstand ist ein Anfang und kein Ergebnis. Beides gilt zwischen Staaten wie zwischen Nachbarn.

Was daraus folgt

Ein Frieden, der nur die Waffen zum Schweigen bringt, ist stabil und trotzdem unfertig. Das Übrige beginnt danach.
Alle Friedensschlüsse

Der Verlauf

  1. 23. April 1814Waffenstillstand beendet die Kämpfe. Napoleon hat abgedankt, der Krieg ist entschieden, die Ordnung danach aber offen.
  2. 30. Mai 1814Der Erste Pariser Friedensvertrag wird unterzeichnet. Er regelt das Verhältnis zu Frankreich und verweist alles Weitere an einen Kongress.
  3. Oktober 1814Der Kongress beginnt unter Leitung des österreichischen Staatskanzlers Clemens Fürst von Metternich.
  4. 8. Juni 1815Die Schlussakte wird unterzeichnet. Sie enthält die Bundesakte und damit den Deutschen Bund, einen Zusammenschluss souveräner Staaten.
  5. 18. Juni 1815Napoleon unterliegt bei Waterloo. Der Zweite Pariser Friedensvertrag folgt und bestätigt, was in Wien vereinbart wurde.
  6. September 1815Russland, Österreich und Preußen begründen die Heilige Allianz. Aus der Friedensordnung wird ein Bündnis gegen Veränderung.
  7. September 1819Die Karlsbader Beschlüsse bringen Zensur und Überwachung der Universitäten. Der Frieden nach außen wird nach innen mit Unterdrückung bezahlt.

Von der Geschichte zur eigenen Mission

Jeder dieser Verträge war das Werk von Menschen, die es für machbar hielten. Dieselbe Haltung braucht es im Kleinen: in einer Nachbarschaft, einer Schule, einem Verein.

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