Zum Inhalt springen

Wie Kriege endeten

Der Versailler Vertrag

Am 28. Juni 1919 unterzeichneten die Beteiligten im Spiegelsaal von Versailles einen Vertrag, den nur eine Seite ausgehandelt hatte. Daran entschied sich, wie lange er halten konnte

In Zahlen

440

Artikel

in fünfzehn Teilen, dazu Anlagen

27

Staaten am Tisch

das Deutsche Reich war keiner davon

100.000

Mann Heeresstärke

Obergrenze für die Reichswehr, keine Luftwaffe

Zeitraum
Januar 1919 bis Januar 1920
Ort
Paris und Versailles
Beteiligte
Das Deutsche Reich und 27 alliierte und assoziierte Mächte, den Ton gaben Frankreich, Großbritannien, die Vereinigten Staaten und Italien an
Ergebnis
Ein Vertrag aus 440 Artikeln, unterzeichnet am 28. Juni 1919, in Kraft seit dem 10. Januar 1920, mit der Satzung des Völkerbundes als Teil I
Delegierte sitzen an einem langen Tisch unter hohen Spiegelbögen und vergoldeten Verzierungen
Unterzeichnung des Versailler Vertrags im Spiegelsaal von Versailles am 28. Juni 1919.Gemälde von William Orpen, 1919, gemeinfrei, Wikimedia Commons

Was war der Versailler Vertrag?

Der Versailler Vertrag ist der Friedensvertrag, mit dem der Erste Weltkrieg zwischen dem Deutschen Reich und den alliierten Mächten völkerrechtlich beendet wurde. Unterzeichnet wurde er am 28. Juni 1919 im Spiegelsaal des Schlosses von Versailles, in Kraft trat er am 10. Januar 1920.

Der Waffenstillstand vom 11. November 1918 hatte die Kämpfe beendet, den Kriegszustand aber nicht aufgehoben. Genau diese Lücke schloss der Vertrag: Er regelte Grenzen, Entschädigungen, Rüstung und Verantwortung und schuf mit dem Völkerbund zugleich eine Einrichtung, die künftige Kriege verhindern sollte.

Der Text umfasst 440 Artikel in fünfzehn Teilen. Teil I enthält die Satzung des Völkerbundes, Teil XIII die Gründung der Internationalen Arbeitsorganisation. Der Vertrag ist damit nicht nur eine Abrechnung, sondern auch der Anfang der modernen internationalen Organisation.

Wer verhandelte, und wer nicht?

Ab dem 18. Januar 1919 kamen in Paris Vertreter von 27 alliierten und assoziierten Staaten zusammen. Die Richtung bestimmten vier: Frankreich, Großbritannien, die Vereinigten Staaten und Italien, in der Sache vor allem die ersten drei.

Ihre Ziele lagen weit auseinander. Frankreich suchte dauerhafte Sicherheit vor einem Nachbarn, auf dessen Boden der Krieg nicht stattgefunden hatte. Großbritannien wollte ein Gleichgewicht, das den Handel wieder in Gang bringt. Der amerikanische Präsident Woodrow Wilson hatte vierzehn Punkte vorgelegt, deren Kern das Selbstbestimmungsrecht der Völker und eine Organisation zur Sicherung des Friedens waren.

Das Deutsche Reich saß nicht mit am Tisch. Seine Delegation erhielt den fertigen Text am 7. Mai 1919 und konnte Einwände nur schriftlich vorbringen. Aus dieser Verfahrensentscheidung entstand das Wort vom Diktatfrieden, das die deutsche Debatte über den Vertrag von Beginn an prägte.

Was wurde beschlossen?

Das Deutsche Reich trat rund ein Siebtel seines Staatsgebiets ab: Elsass-Lothringen an Frankreich, weite Teile Westpreußens und der Provinz Posen an das wiedererrichtete Polen, kleinere Gebiete an Belgien, Dänemark und die Tschechoslowakei. Danzig wurde Freie Stadt unter Schutz des Völkerbundes, das Saargebiet für fünfzehn Jahre dessen Verwaltung unterstellt. Die Kolonien gingen als Mandate an die Siegermächte.

Militärisch wurde das Heer auf 100.000 Mann begrenzt, die allgemeine Wehrpflicht abgeschafft, schwere Artillerie, Panzer, Luftwaffe und U-Boote verboten, das Rheinland entmilitarisiert und für fünfzehn Jahre besetzt.

Artikel 231 wies dem Deutschen Reich und seinen Verbündeten die Verantwortung für die Kriegsschäden zu und begründete damit die Pflicht zu Reparationen. Die Höhe blieb zunächst offen; der Londoner Zahlungsplan vom Mai 1921 setzte sie auf 132 Milliarden Goldmark fest, eine Summe, die in den zwanziger Jahren mehrfach neu geregelt wurde.

Wie lange hielt der Frieden?

Zwanzig Jahre lagen zwischen dem Inkrafttreten im Januar 1920 und dem Beginn des Zweiten Weltkriegs im September 1939. Keiner der historischen Friedensschlüsse, die diese Reihe behandelt, hat kürzer getragen.

Dabei gab es Jahre, in denen es anders aussah. Die Verträge von Locarno 1925 regelten die Westgrenze im Einvernehmen, 1926 trat das Deutsche Reich dem Völkerbund bei, die Reparationen wurden mehrfach an die wirtschaftliche Lage angepasst. Diese Phase zeigt, dass der Vertrag selbst veränderbar war.

Zugleich blieb er innenpolitisch dauerhaft umstritten und wurde zum Bezugspunkt für die Gegner der Republik. Historisch strittig ist bis heute, welches Gewicht der Vertrag am Weg in den nächsten Krieg hat und welches die Weltwirtschaftskrise, die innenpolitischen Verhältnisse und die Entscheidungen der dreißiger Jahre tragen. Eine gerade Linie von 1919 nach 1939 zieht die Forschung nicht.

Was lässt sich daraus lernen?

Der auffälligste Unterschied zum Wiener Kongress hundert Jahre zuvor liegt nicht im Inhalt, sondern im Verfahren. In Wien saß die unterlegene Macht mit am Tisch und gewann im Lauf der Verhandlungen Gewicht zurück. In Paris wurde über sie verhandelt. Der eine Frieden hielt Jahrzehnte, der andere zwanzig Jahre.

Daraus lässt sich keine Regel machen, aber eine Frage. Wer einen Streit beendet, entscheidet immer zweimal: über das Ergebnis und darüber, wer daran mitwirken durfte. Das zweite bestimmt, ob das erste nach der Unterschrift noch trägt.

Bemerkenswert ist der andere Teil desselben Vertrags. Mit dem Völkerbund entstand die erste dauerhafte Einrichtung, die Konflikte zwischen Staaten verhandeln statt austragen sollte. Sie scheiterte an ihren Mitteln, doch die Vereinten Nationen von 1945 bauen erkennbar auf dieser Idee auf. Auch gescheiterte Institutionen hinterlassen Werkzeuge.

Was daraus folgt

Ein Frieden, den eine Seite nur unterschreibt, ist eine Urkunde. Getragen wird er erst, wenn beide Seiten etwas darin wiederfinden.
Alle Friedensschlüsse

Der Verlauf

  1. 11. November 1918Der Waffenstillstand von Compiègne beendet die Kämpfe. Rechtlich ist der Krieg damit nicht beendet, sondern unterbrochen.
  2. 18. Januar 1919In Paris beginnt die Friedenskonferenz. Siebenundzwanzig Staaten verhandeln, die unterlegene Seite ist nicht geladen.
  3. 7. Mai 1919Die deutsche Delegation erhält den fertigen Vertragstext. Verhandelt wird darüber nicht, Einwände sind schriftlich einzureichen.
  4. 28. Juni 1919Unterzeichnung im Spiegelsaal von Versailles, auf den Tag fünf Jahre nach den Schüssen von Sarajevo.
  5. 9. Juli 1919Die Weimarer Nationalversammlung stimmt der Ratifizierung zu, nach einer Debatte, die die junge Republik spaltet.
  6. 10. Januar 1920Der Vertrag tritt in Kraft. Am selben Tag nimmt der Völkerbund seine Arbeit auf, die erste dauerhafte Organisation zur Sicherung des Friedens.
  7. Mai 1921Der Londoner Zahlungsplan beziffert die Reparationen auf 132 Milliarden Goldmark. Die Summe wird in den Folgejahren mehrfach neu geregelt.
  8. September 1926Das Deutsche Reich tritt dem Völkerbund bei. Der Weg dorthin führte über die Verträge von Locarno ein Jahr zuvor.

Von der Geschichte zur eigenen Mission

Jeder dieser Verträge war das Werk von Menschen, die es für machbar hielten. Dieselbe Haltung braucht es im Kleinen: in einer Nachbarschaft, einer Schule, einem Verein.

Deine Friedensmission finden