Frieden
Warum gibt es Krieg?
Kriege haben selten nur einen Grund. Wie die Forschung Krieg definiert, welche Ursachen sie nennt und warum die meisten Kriege seit 1945 innerhalb von Staaten geführt werden
Das Wichtigste in Kürze
- Kriege haben selten nur einen Grund. Die Forschung nennt schwache Staaten, den Streit um Ressourcen und die Entscheidungen der Beteiligten.
- Eine Schule sieht Kriege als Nebenprodukt gesellschaftlicher Umwälzungen, eine andere als Folge bewusster Entscheidungen.
- Zwischen 1945 und 2020 zählte die AKUF 242 Kriege, etwa 70% davon wurden innerhalb von Staaten geführt.
- Ob ein Konflikt als Krieg gilt, hängt von der Definition ab, beim UCDP etwa von mindestens 1.000 Kampftoten im Jahr.
- Zur Vorbeugung setzt die Bundesregierung nach ihren Leitlinien auf den Vorrang ziviler Mittel wie Mediation.
In Zahlen
242
Kriege
zwischen 1945 und 2020, gezählt von der AKUF
70%
davon innerstaatlich
170 der 242 Kriege
1.000
Kampftote im Jahr
ab hier spricht das UCDP von Krieg
- innerstaatliche Kriege170
- zwischenstaatliche und andere Kriege72
Systemischer Ansatz
- Blickt auf
- Strukturen einer Gesellschaft
- Krieg ist
- ein Nebenprodukt sozialer, wirtschaftlicher und politischer Umwälzungen
- Leitfrage
- Welche Umbrüche machen Gewalt wahrscheinlich?
Strategischer Ansatz
- Blickt auf
- Menschen, die entscheiden
- Krieg ist
- die Folge von Kalkülen, in denen sich Einzelne, Stäbe, Gruppen oder Behörden für den Griff zur Waffe entschließen
- Leitfrage
- Warum entscheidet sich jemand für Gewalt?
- AKUF
- Krieg als gewaltsamer Massenkonflikt mit drei Merkmalen
- UCDP
- bewaffneter Konflikt ab 25 Kampftoten im Kalenderjahr
- HIIK
- fünf Intensitätsstufen vom Disput bis zum Krieg
- Zwei Schulen
- systemischer und strategischer Ansatz
Warum gibt es Krieg?
Auf diese Frage gibt es keine einzelne Antwort. Die Forschung zu Kriegsursachen unterscheidet traditionell zwei Schulen, die beim Blick auf denselben Krieg unterschiedliche Dinge betonen.
Die eine wählt einen systemischen Ansatz. Kriege sind aus ihrer Sicht ein Nebenprodukt sozialer, wirtschaftlicher und politischer Umwälzungen. Die andere Schule wählt einen strategischen oder entscheidungstheoretischen Ansatz und versteht Kriege als Folge von Kalkülen, also von Abwägungen und Entscheidungen.
Beide Sichtweisen schließen sich nicht aus. Die folgenden Abschnitte zeigen, wie die Forschung Krieg überhaupt abgrenzt, welche Ursachen sie hervorhebt und warum sich die meisten Kriege seit 1945 innerhalb von Staaten abspielen.
Was zählt als Krieg?
Die AKUF an der Universität Hamburg definiert Krieg nach István Kende als gewaltsamen Massenkonflikt mit drei Merkmalen. An den Kämpfen sind zwei oder mehr bewaffnete Streitkräfte beteiligt, auf mindestens einer Seite reguläre Streitkräfte der Regierung. Beide Seiten sind in einem Mindestmaß zentral organisiert, und die Kämpfe finden mit einer gewissen Kontinuität statt, nicht nur als gelegentliche, spontane Zusammenstöße.
Das UCDP an der Universität Uppsala zählt einen staatlichen bewaffneten Konflikt ab 25 kampfbedingten Todesopfern in einem Kalenderjahr. Mindestens eine Seite ist dabei die Regierung eines Staates, und es geht um Regierung oder Territorium. Als Krieg führt das UCDP einen Konflikt erst ab 1.000 kampfbedingten Todesopfern im Kalenderjahr.
Das HIIK in Heidelberg setzt früher an. Es versteht einen politischen Konflikt schon als Positionsdifferenz zwischen mindestens zwei Akteuren und unterscheidet fünf Intensitätsstufen, vom Disput bis zum Krieg. Wenn du Zahlen zu Kriegen liest, lohnt sich deshalb immer die Frage, nach welcher Definition gezählt wurde.
Welche Ursachen nennt die Forschung?
Für Konflikte innerhalb von Staaten gilt die Schwäche des Staates als Hauptursache. Eine Auffassung, die Daniel Lambach bei der Bundeszentrale für politische Bildung wiedergibt, lautet: Innerstaatliche Konflikte entstehen besonders häufig dort, wo der Staat nicht fähig ist, der Gewalt konkurrierender Akteure Einhalt zu gebieten.
Der Kampf um Ressourcen ist nach einer Darstellung der Bundeszentrale für politische Bildung von 2018 mittlerweile die zweithäufigste Konfliktursache. 2017 spielten Ressourcen danach in 17 von 36 Gewaltkonflikten mit hoher Intensität eine entscheidende Rolle. Auch dort heißt es, die Ursachen seien meist vielschichtig, und Ressourcenknappheit oder Ressourcenreichtum seien allein in den seltensten Fällen Ursache für Konflikte.
Keine dieser Ursachen wirkt für sich allein. Die Forschung fragt deshalb nach dem Zusammenspiel von Staat, Gesellschaft und den Entscheidungen der Beteiligten, so wie es die beiden Schulen oben beschreiben.
Warum sind die meisten Kriege innerstaatlich?
Für die Zeit zwischen 1945 und 2020 zählt die AKUF 242 Kriege. 170 davon stuft sie als innerstaatlich ein, also etwa 70 Prozent, wie Wolfgang Schreiber 2021 bei der Bundeszentrale für politische Bildung zusammenfasst.
Innerstaatlich heißt nach der Definition des UCDP: Eine Regierung kämpft gegen eine nichtstaatliche Partei, ohne dass sich andere Länder einmischen. Der Krieg zwischen zwei Staaten ist seit 1945 also nicht der häufigste Fall.
Eine Erklärung bietet die Schwäche vieler Staaten, die im Abschnitt über Ursachen beschrieben ist. Wo ein Staat die Gewalt konkurrierender Akteure nicht eindämmen kann, fehlt der Rahmen, in dem Streit ohne Waffen ausgetragen wird.
Welche Arten von Kriegen unterscheidet die Forschung?
Die AKUF unterscheidet fünf Typen. Antiregimekriege sind Kriege, in denen um den Sturz der Regierenden oder um die Veränderung oder den Erhalt des politischen Systems gekämpft wird. In Autonomie- und Sezessionskriegen geht es um mehr regionale Autonomie oder um die Abspaltung vom Staatsverband.
In zwischenstaatlichen Kriegen stehen sich Streitkräfte der Regierungen mindestens zweier Staaten gegenüber. Dekolonisationskriege werden um die Befreiung von Kolonialherrschaft geführt. Dazu kommt eine Restkategorie sonstiger Kriege.
Nach Wolfgang Schreiber machen Antiregimekriege weltweit etwa die Hälfte der innerstaatlichen Kriege aus, in Lateinamerika sogar 90%. In Asien und Europa überwiegen dagegen mit jeweils fast 60% die Sezessionskriege. 1992 erreichte die Zahl innerstaatlicher Kriege mit 53 von 55 Kriegen insgesamt einen Höchststand.
Führen Demokratien gegeneinander Krieg?
Ein Befund gilt in der Forschung als relativ unbestritten: die These vom demokratischen Frieden. Demokratien ziehen danach nicht gegen andere Demokratien in den Krieg.
Die These sagt etwas über Kriege zwischen Demokratien. Sie sagt nicht, dass Demokratien nie Krieg führen, und sie erklärt keine Kriege innerhalb von Staaten. Ruloff und Schubiger führen den Befund weniger auf die Friedensliebe von Demokratien zurück als auf die demokratische Kontrolle des Militärs und wichtiger Entscheidungen sowie auf die Verflechtung durch Diplomatie, Handel und Kapitalbeziehungen.
Für die Frage nach dem Warum ist sie trotzdem aufschlussreich. Sie lenkt den Blick darauf, ob die innere Ordnung von Staaten beeinflusst, wie sie Konflikte miteinander austragen.
Wann gilt ein Krieg als beendet?
Die AKUF sieht einen Krieg als beendet an, wenn die Kampfhandlungen dauerhaft eingestellt werden, also für mindestens ein Jahr. Als beendet gilt er auch, wenn die Kämpfe nur noch unterhalb ihrer Kriegsdefinition weitergehen.
Solche Auseinandersetzungen nennt die AKUF dann bewaffnete Konflikte. Das Ende eines Krieges in der Statistik heißt also nicht, dass keine Gewalt mehr herrscht.
Wie aus einem beendeten Krieg ein tragfähiger Frieden wird, ist eine eigene Frage. Die Seite Frieden schaffen beschreibt, wo zivile Konfliktbearbeitung ansetzt, und W3ltfrieden verbindet Menschen, die sich dafür engagieren wollen, mit Friedensmissionen in ihrer Umgebung.
Welche Folgen hat Krieg für die Menschen?
Die unmittelbarste Folge sind Tote und Verletzte. Nach Schätzung des Uppsala Conflict Data Program starben 2024 knapp 160.000 Menschen durch organisierte Gewalt.
Krieg zwingt außerdem viele Menschen zur Flucht. Nach Angaben des UN-Flüchtlingshilfswerks UNHCR, die die Bundeszentrale für politische Bildung wiedergibt, waren Ende 2023 weltweit 122,6 Millionen Menschen von Flucht und Vertreibung betroffen, doppelt so viele wie 2015. 63,3 Millionen von ihnen waren Binnenvertriebene, also innerhalb ihres eigenen Landes auf der Flucht. Die Zahl umfasst alle Gründe für Flucht und Vertreibung, nicht nur Kriege.
Die Folgen reichen weit über das Kriegsende hinaus. Die Menschen leiden, wie es bei HanisauLand heißt, oft auch dann noch unter den Folgen eines Krieges, wenn er schon lange vorbei ist.
Ruloff und Schubiger, Aus Politik und Zeitgeschichte, 2007, über den systemischen Ansatz
Kriege sind aus dieser Sicht das Nebenprodukt sozialer, wirtschaftlicher und politischer Umwälzungen.
Quellen
- AKUF, Universität Hamburg: Kriegsdefinition
- Uppsala University: UCDP Definitions
- HIIK: Methodik
- bpb: Innerstaatliche Kriege seit 1945 (Wolfgang Schreiber)
- bpb, APuZ: Kriegerische Konflikte, eine Übersicht
- bpb: Fragile Staatlichkeit als Konfliktursache (Daniel Lambach)
- bpb: Ressourcenkonflikte
- Uppsala University: UCDP, sharp increase in conflicts and wars, 2025
- bpb: Flüchtlinge, Asylantragsteller und Binnenvertriebene
- HanisauLand (bpb): Krieg
- UNRIC: Charta der Vereinten Nationen
- Clausewitz-Gesellschaft: Carl von Clausewitz, Vom Kriege (PDF)
- Auswärtiges Amt: Leitlinien zur Krisenprävention
Die fünf Intensitätsstufen des HIIK
- DisputStufe 1, gewaltfreier Konflikt
- Gewaltlose KriseStufe 2, gewaltfreier Konflikt
- Gewaltsame KriseStufe 3, Gewaltkonflikt
- Begrenzter KriegStufe 4, Gewaltkonflikt
- KriegStufe 5, Gewaltkonflikt
Häufige Fragen zu Kriegsursachen
Warum gibt es Krieg, einfach für Kinder erklärt?
HanisauLand, das Kinderangebot der Bundeszentrale für politische Bildung, erklärt es so: Krieg kann entstehen, wenn Regierungen und Politiker verschiedener Länder nicht mehr miteinander reden, um ihre Konflikte auf friedliche Weise zu lösen. Dann versuchen diese Staaten, den Streit gewaltsam mit Waffen und Militär zu lösen.
Dazu heißt es dort: Kommt es zum Krieg, gibt es immer viele Verletzte und Tote, und die Menschen leiden oft noch lange unter den Folgen, wenn der Krieg schon vorbei ist.
Was meinte Clausewitz mit Fortsetzung der Politik?
Carl von Clausewitz schrieb in seinem Werk Vom Kriege: Der Krieg ist eine bloße Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln. Er sei nicht bloß ein politischer Akt, sondern ein wahres politisches Instrument.
Der Satz beschreibt, wie Krieg mit politischen Zielen zusammenhängt. Er ist keine Rechtfertigung: Nach Artikel 2 der Charta der Vereinten Nationen unterlassen alle Mitglieder in ihren internationalen Beziehungen jede gegen die territoriale Unversehrtheit oder die politische Unabhängigkeit eines Staates gerichtete Androhung oder Anwendung von Gewalt.
Wie kann man Krieg verhindern?
Die Bundesregierung bekennt sich in ihren Leitlinien zur Krisenprävention zum Vorrang ziviler Mittel. Nach dem Auswärtigen Amt geht es darum, Konflikte zu erkennen und zu entschärfen, bevor sie eskalieren. Zivile Instrumente wie Mediation, Vergangenheitsbewältigung oder Sicherheitssektorreform sollen helfen, Krisen vorzubeugen, beizulegen oder Rückfälle zu vermeiden.
Die Forschung zum demokratischen Frieden ergänzt einen weiteren Gedanken: Demokratien ziehen nicht gegeneinander in den Krieg, was nach Ruloff und Schubiger weniger mit Friedensliebe zu tun hat als mit der demokratischen Kontrolle des Militärs und der Verflechtung durch Diplomatie und Handel. Wie Frieden im Kleinen entsteht, beschreibt die Seite Frieden schaffen.
Warum dauern manche Kriege so lange?
Ein Grund liegt nach dem Dossier Ressourcenkonflikte der Bundeszentrale für politische Bildung im Streit um Rohstoffe. Habgier löst danach selten offene Konflikte aus, trägt aber maßgeblich dazu bei, sie zu verlängern und eine friedliche Lösung zu verhindern.
Das Dossier beschreibt außerdem einen sogenannten Ressourcenfluch, der meist in rohstoffreichen Entwicklungs- oder Schwellenländern zu beobachten ist. Auch hier gilt: Rohstoffe allein lösen selten einen Konflikt aus, sie wirken im Zusammenspiel mit anderen Ursachen.
Wie viele Menschen sterben durch organisierte Gewalt?
Das Uppsala Conflict Data Program schätzt, dass 2024 knapp 160.000 Menschen durch organisierte Gewalt gestorben sind, etwas weniger als im Vorjahr. Zugleich zählte es 61 aktive Konflikte mit mindestens einem Staat als Beteiligtem, die höchste Zahl seit Beginn der Statistik 1946. Elf davon erreichten das Niveau eines Krieges.
Welche Konflikte das im Einzelnen sind, beschreibt diese Seite nicht. Hier geht es um die Frage, warum Kriege entstehen.
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